No passion, no furor |
Yvonne Rainers widmet sich dem "Sacre du printemps" |
RoS - Indexical, Tanzquartier Wien, 19.10.2007. |
Yvonne Rainer ist mit Trisha Brown eine der Leitfiguren der Judson Church Bewegung, die in den 1960er Jahren die Tanzwelt auf den Kopf stellte. Die gemeinsame Geschichte und die Nachbarschaft der Gastspiele - Brown mit frühen Werken (siehe Kritik) und Rainer mit einer Neuinterpretation des Frühlingsopfers fordern einen Vergleich heraus, der auch im Hinblick auf die Entwicklung der heutigen Tanz- bzw. Performanceszene interessant ist.
Während Trisha Brown immer an Bewegung und der Entwicklung von tänzerischem Material interessiert war, nähert sich Rainer DEM Klassiker des Balletts des 20. Jahrhunderts, Strawinskis Sacre du printemps in der Choreografie von Waslaw Nijinski als Zeitdokument. Die Musik, einige Bewegungsmotive, die Publikumsreaktionen finden Eingang in eine Konzept von (Tanz-)Performance, die Statements liefert, aber keinen Diskurs verfolgt. Zwischen dem anfänglichen Trällern der Musik, über choreografierte Passagen unter Einschluss des Originalmaterials bis zu den Szenen, in denen sich die TänzerInnen (in Trainingskleidung) privat geben - eine von ihnen scheint mit jemandem im Publikum ein Telefoninterview auszumachen - bis hin zur Erstürmung der Bühne durch zwanzig LaiendarstellerInnen wird hier alles angeschnitten, aber nichts entwickelt. Die Auseinandersetzung mit dem Meilenstein der Ballettgeschichte ist harmlos und bleibt höchstens von akademischem Interesse. Die Leidenschaft und Raserei, die im Programmheft versprochen wird ("...this dance attempts to invoke the passion and furor that accompanied the premiere of the original at the Théatre des Champs-Elysées, Paris, May 20th, 1913) wird nicht einmal ansatzweise spürbar. Am Ende der Vorstellung kommt aus dem Zuschauerraum (neben viel Jubel von den 20 Publikums-DarstellerInnen) auch ein einzelner nicht inszenierter Buh-Ruf, der bei Yvonne Rainer (die anstelle einer verletzten Tänzerin das Quartett an diesem Abend komplettierte) erstaunt dreinblicken ließ - aber keine Sorge. Das Tanzquartier ist nicht die Pariser Oper und überhaupt: Skandale sehen anders aus. |
Edith Wolf Perez |
Online am: 24.10.2007, © www.tanz.at |