Creepy Marketing

Trotz Fantasy-Figuren und Computerspielen bleibt „Der Nussknacker“ von Ballettchef Gyula Harangozó stilistisch in den 1950er Jahren stecken.

Der Nussknacker, Wiener Staatsoper, 29.09.2007.

Eines ist sicher: In der internationalen Chronologie der Nussknacker-Interpretationen, die im Programmheft aufgelistet ist, wird die Version von Gyula Harangozó aufgrund seiner Bedeutungslosigkeit schnell herausfallen. Denn was der Ballettdirektor der Wiener Staatsoper hier veranstaltet, ist ein Marketinggag, aber keine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit dem Klassiker.
Der unerfahrene Choreograf Harangozó will die Kinder fürs Ballett begeistern, versucht den Klassiker mit aktuellen Figuren der Computerspiel- und Animationswelt aufzupeppen und ignoriert gleichzeitig sämtliche Erkenntnisse der modernen Psychologie und Pädagogik sowie Grundsätze der Dramaturgie und die aktuellen Trends der heutigen Tanzwelt. Ob er mit dieser Inszenierung nicht die Intelligenz seines Zielpublikums unterschätzt?
Wenn beispielsweise Creepyman und die Creepies aus dem Computerspiel den ursprünglichen Mäusekönig und sein Mäuseheer ersetzen, stellt sich die Frage, warum sie sich dann nicht auch in einem heutigen Stil bewegen. Der Roboter wird zwar von Daniil Simkin ausdrucksstark getanzt, aber der Roboterdance aus dem Hip Hop-Vokabular ist um einiges rasanter und aufregender. (Hip Hop zu klassischer Musik ist eine reizvolle Kombination, wie schon öfter bewiesen wurde). Und Barbie erscheint in einem Outfit ihrer Jugendtage, also aus den 1950er Jahren, und schon damals ging sie auf Stöckelschuhen und tanzte nicht auf Spitze.
Dass die Nussknacker-Soldaten stramm mit Spielzeuggewehren aufmarschieren und damit auf die Gegner losgehen, passt wohl heutzutage in kein Kinderzimmer mehr.
Dramaturgisch ging fast alles schief. Drosselmeyers Rolle (Kirill Kourlaev) ist nicht eindeutig definiert und changiert zwischen gutem Zauberer und zwielichtigem Onkel. Ein Lichtblick, wenn auch von kurzer Dauer, ist im ersten Akt das lebhafte, pantomimische Spiel von Wolfgang Grascher und Dagmar Kronberger als Maries Eltern.
Die Verwandlung der kleinen Marie, die von Drosselmeyer eine Nussknacker-Puppe geschenkt bekommt, zum jungen Mädchen, wird in dieser Fassung hingegen nicht klar. Der Zusammenhang zwischen dem Kind und dem Nussknacker einerseits und dem Prinzen und der Prinzessin andererseits ist nicht erkennbar. Da aber ab diesem Zeitpunkt der Handlungsfaden nicht mehr fassbar ist, wird dieser „Nussknacker“ zu einer Abfolge von Divertissements, zu einer Revue der Oberflächlichkeiten.
Choreografisch beruft sich Harangozó auf die Fassung von Wassili Wainonen, von dem er vor allem die großen Ensembleszenen wie den Schneeflockenwalzer und den Walzer sowie den Pas de deux im dritten Akt übernommen hat - und diese Teile sind auch die Stärken des Abends. Das Ensemble tanzte ordentlich, wenn auch nicht sonderlich inspiriert. Einziger Glanzpunkt des Abends war das Solistenpaar Aliya Tanikpaeva und Andrian Fadeyev (als Gast vom Mariinski-Theater).
Apropos Glanz: Bei der geschmacklosen Ausstattung von Philippe Combeau (Kostüme) und Dorin Gal (Bühnenbild) wird die „traumhafte Märchenwelt der kindlichen Phantasie“ eine fade Angelegenheit ohne Witz und Pfiff.
Und dieses biedere Erscheinungsbild nahm auch den Divertissements im dritten Akt ihren Glamour: bei den Orientalinnen (Dagmar Kronberger auch hier sauber und schön), dem chinesischen (charmant: Venus Villa und Daniil Simkin) und russischem Paar und vor allem bei den Spanierinnen hat Combeau farblich schwer daneben gegriffen. Auch aus dem Orchestergraben sprang trotz der umsichtigen Stabführung Sascha Goetzels der berühmte Funke nicht über.
Bleiben die Kinder. Natürlich bezaubern die StudentInnen der Ballettschule der Wiener Staatsoper, allen voran Maria Tolstunova als Marie. Und sie werden wohl dafür sorgen, dass die Marketingstrategie des Ballettchefs aufgehen wird.
Dass dieser „Nussknacker“ aber auch für das derzeitige Ballett der Wiener Staatsoper repräsentativ ist und dessen Image prägt, ist die traurige Nachricht.

Edith Wolf Perez

Online am: 01.10.2007, © www.tanz.at