Erfolgreich leiden

Die Salzburger Festspiele gingen erfolgreich nach sängerischem und tänzerischem Leid zu Ende. Ein Kommentar von Johann Auinger.

Salzburger Festspiele, 27.07. bis 31.08.2007.

„Die wirtschaftliche Bedeutung der Salzburger Festspiele sind für die öffentliche Hand von nahezu unschätzbarem Wert“. So erklärt die Frau Präsidentin Helga Rabl-Stadler das Sommerfestival gewissermaßen selbst zu einem Kunstwerk, das künstlerische Phantasie und monetäre Erfordernisse gleichermaßen befriedigt. Wenn Bilanz gezogen wird, jagen wie gewohnt einander die Superlative, künstlerisch sowieso und statistisch erst recht: Gezählte 243.457 Besucher konnten an der sommerlichen Salzach in 207 Veranstaltungen „begrüßt“ werden. Bei einer Auslastung von 94% konnten heuer erstmals auch Gäste aus „Azerbaijan, Kasachstan und den Bahamas“ ausgemacht werden - ob Borat oder Wolfgang Flöttl unter diesen waren, konnte nicht eruiert werden. Interessant ist die Betonung der „attraktiven Preise“, 50% der Karten „kosten unter 100 Euro, beinahe 30 % sogar nur ¤ 50“: Nur zur Erinnerung, in welcher Dimension die Kategorie „günstig“ in Salzburgs Renommier-Festival angesiedelt ist.

Umwegrentabilität trotz Halsschmerzen
Besonders wichtig im vorherrschenden Zeitgeist ist stets der Verweis auf die „Umwegrentabilität“. Ein durchschnittlicher Festspielgast besucht 4,5 Aufführungen und gibt pro Tag 283 Euro aus - außerdem bleibt er „über eine Woche“ vor Ort. Die Wirtschaftskammer errechnete jedenfalls „gesamtwirtschaftliche Effekte“ im Wert von 225 Millionen Euro - die Formel für diese Berechnung wurde im Detail nicht bekannt gegeben.
Es gibt also jede Menge Jubelmeldungen von der Wirtschaftsfront.
Dabei hat es eine Zeit lang gar nicht gut ausgesehen. Anna Netrebko bekam nämlich Halsweh und ganz Medien-Österreich schrie lauthals auf. „Skandal“ dröhnte es kleinformatig aus dem gewaltigen Sommerloch, und eine tiefgründige Analyse des Kulturbetriebs nach der anderen versank darin. Aber trotz der hochkünstlerischen Erkältung wurden die Festspiele dann doch nicht abgebrochen, und sie hatten letztlich auch tänzerisch einiges zu bieten. Höhepunkt diesbezüglich war gewiss das monumental inszenierte Siechtum von Jan Fabre. In seinem „Requiem für eine Metamorphose“ wird über zwei Stunden gestorben und gelitten, was das Zeug hält.
Der Tod ist ein gewichtiges Thema in der Kunst, aber was Jan Fabre da auf die Bühne wuchtet, droht selbst abgehärtete Betrachter zu erdrücken: Dieses „Requiem“ ist eine Komplettsammlung künstlerisch verbrämter Leichen-Teile, Aus Pop- und Hochkultur kommen die Todesthemen herangetanzt und sie werden auf Fabres kulturgeschichtlichen Seziertisch auseinander genommen und überaus deutlich und bildhaft in Szene gesetzt. Ein paar hundert Tausend Schnittblumen werden nach und nach zertrampelt, die meist nackten Tänzerinnen und Tänzer plagen sich mit drastisch überhöhten Todesverrenkungen ab, Historische Topoi werden mit aktuellen Todespraktiken (Selbstmordattentäter, Aids) vermischt und vermanscht wie die Blüten am Boden der Bühne (siehe auch Kritik von Silvia Kargl)

Tod, Liebe und Allerlei
Dank der unnachahmlichen Qualitäten Thomas Thiemes in der erschöpfenden Darstellung von Seelenstrip-Phantasien ging es auch in Luk Percevals „Molière. Eine Passion“ auf der Halleiner Pernerinsel recht drastisch zur Sache. Thieme grunzt, schreit und kotzt aus sich heraus, worauf die meisten fest den Deckel drauf halten. In dem von den beiden deutschen Autoren Feridun Zaimoglu und Günter Senkel geschriebenen Stück geht es ebenfalls um einen oft sehr leidvoll dargestellten Topos in der Kunst: Nicht weniger als die Liebe wird hier abgehandelt und der Hauptdarsteller geht dabei weit über die Grenzen jeder konventionellen Darstellungskunst hinaus. An seinen Erfolg „Schlachten“, mit dem er vor Jahren für Furore sorgte, konnte Perceval dieses Mal aber nicht anschließen.
Ein etwas laues Nächtchen bescherte auch Shakespeares „Sommernachtstraum“ in der Bearbeitung des jungen Regisseurs Cristian Weise. Kreative Ideen scheitern an einer wenig konsequenten Umsetzung. Da schwebt immer wieder lustlos ein riesiger Luster auf die Bühne herab, da schlurft Robert Hunger-Bühler als Theseus bzw. Oberon über die Bühne, als wüsste er immer noch nicht so recht, was er mit diesen Rollen anfangen soll und die Theater spielenden Handwerker kommen ein wenig allzu lustig rüber. Die geschmeidigen Tanz-Einlagen des Choreographen und Forsythe-Schülers Stephen Galloway fügen sich auch nicht wirklich stimmig ins Bild und warum Puck eine Puppe sein musste, weiß nur der Regisseur selber. Alles in allem bleibt nur die gute Absicht, ein Gesamtkunstwerk aus Sprech-, Tanz- und Puppentheater auf die Bühne zu bringen. Wie drückt es Lysander bei Shakespeare aus: „Was wachsen muss, ist reif erst mit der Zeit, und ich war jung und war noch nicht so weit.“
Aber gottlob gibt es ja da noch die Umwegrentabilität: „Der Wille wird von der Vernunft belehrt, und die Vernunft sagt mir, du bist mehr wert.“

Johann Auinger

Online am: 11.09.2007, © www.tanz.at