Bluff your Way in Ballet

Edouard Lock und La La La Human Steps auf Petipas Spuren

Amjad, Burgtheater / ImPulsTanz, 07.08.2007.

„Schwanensee“ und „Dornröschen“ standen Pate bei Edouard Locks neuer Produktion „Amjad“. Die musikalischen Kompositionen von Gabin Bryars, David Lang und Blake Hargreaves hielten sich sehr eng an den Tschaikowskis Partituren, die Originalmusik steht deutlich im Vordergrund. Auch Edouard Lock lässt den Inhalt der Ballette beinahe pantomimisch erzählen. Natürlich nicht chronologisch, aber durchaus erkennbar, dennoch abstrahiert und mit enormem Tempo verbrämt - Dekonstruktion und Rekonstruktion.
„The Bluffer's Guide to Ballet“ ist eine kleines Büchlein, das dem Leser gerade soviel Wissen über das Ballett beibringt, dass er bei einer Unterhaltung darüber zumindest ansatzweise mitreden kann. Ähnlich reduzierend ging Edouard Lock in „Amjad“ mit dem Bewegungskodex des klassischen Balletts um - Arabeques, Passés, Penchés, Pirouettes, kaum raumgreifende Schrittfolgen, dafür aber jede Menge Armbewegungen. Doch statt eleganter Schwanen-Ports-de-bras reißen diese Schwäne die Arme gerade in die Höhe und winkeln sie abrupt wieder ab. Immer wieder, immer wieder, immer wieder … Das Ergebnis ist ein nervöses Gefuchtel der oberen Gliedmaßen.
Man erwartet gespannt den Turning Point - schließlich schaut das Ganze mit der pathetisch-pantomimischer Gestik und (zwischendurch) einem Sound wie von zerkratzten Shellacks ja auch wie ein Stummfilm aus.
Als eine blonde, groß gewachsene und kräftige Ballerina ins Rampenlicht tritt, einige Sekunden nur dasteht und die Wirkung ihres Auftritts prüft meint man - jetzt. Aber nein, auch der Walkürenschwan bringt keine Wende. Auch nicht der Pas de deux von zwei Männern, wobei einer von ihnen auf Spitze tanzt. Es bleibt eine Szenenfolge von Soli, Duetten und Quintetten.
So vergehen 90 ereignislose Minuten. Die ausgezeichnete Musik tröstet, das perfekte Lichtdesign ist ein Kunstwerk für sich, und die Videos sind auch hübsch anzusehen - natürlich auch die Tänzerinnen und Tänzer, würden sie nur eine andere Choreografie tanzen.
Edouard Lock, der in den 1980er und 90er Jahren den Bühnentanz ins MTV-Zeitalter katapultierte, ist an der Rückkehr zur Klassik gescheitert und stellt einen leeren Formenkanon zur Schau.
Da ist man vom Entertainer Lock anderes gewöhnt. Dass seine atemberaubenden Choreografiender 1980er und 90er Jahren, die auf seine tänzerische Muse Louise Lecavalier zugeschnitten waren, ist klar, doch dass er auch mit Spitzentanz interessante Wege geht hat er 2003 bei Impulstanz mit "Amelia" bewisen. Im besten Fall steht "Amjad" für das Ende vor einem Neubeginn.

Edith Wolf Perez

Online am: 13.08.2007, © www.tanz.at