Kreativität in progress

Little TanzSommer - eine private Initiative und Veranstaltung des Nice Little Theatre, Graz

Little TanzSommer Graz, Nice Little Theatre, 05.08.2007.

Man nehme eine Portion Galgenhumor : die Bezeichnung „Tanzsommer“ als Anspielung auf das, was in nicht wirklich geglückter, nachahmender „2.Auflage“ der gleichnamigen Innsbrucker Veranstaltung unter diesem Namen in Graz drei Mal über die große Bühne des Opernhauses lief - und nenne ihn, den „Tanzsommer“ daher in realistischer Selbsteinschätzung „little“ - was (von den Veranstaltungsdimensionen einmal „ein wenig“ abgesehen) einerseits auf die Bühnengröße (6x7m) des „Nice Little Theatre“ in der Luthergasse (ein Mal um die Ecke vom Opernhaus entfernt) zutrifft, und andererseits auch auf die Vorbereitungsdauer (4 Monate, die sich freilich auf eine etwas unzulängliche PR und damit auf die Zuschaueranzahl auswirkte, was gleichermaßen schade für die Künstler wie auch für ein potentiell interessiertes Publikum war).
Und man nehme Kreativität, die bei den Künstlern zum allergrößten Teil positiv überraschte und auch bei der Organisation (mit ein wenig Augen-Zudrücken ) sehr überzeugte. Vor allem auch deswegen, weil diese in der Person von Kevin Roy Lewin den Mut gehabt hatte, so ein kleines Festival aus dem Boden zu stampfen: Warum er dies getan hatte? Weil ein grundsätzlich guter (wenn auch für den Tanz sehr kleiner) Raum leer stand, weil junge TänzerInnen dankbar die Chance ergriffen, auf der Bühne zu stehen und bereit waren, dafür zusätzlich zu arbeiten, und, weil professionelle Tänzer/Choreographen in ihrer Begeisterung für ihre Kunst sich zum kreativen Mitmachen bereit erklärten. Und weil er, Lewin, TANZ zeigen wollte - den es gab, drei abwechslungsreiche Abende lang.
Am Eröffnungsabend überaus temporeich und - an Hand kurz Ausschnitte - anregenden Einblick gewährend in die an den folgenden Abenden gezeigten Produktionen; ergänzt durch zwei Ballett-Choreographien - als gerechtfertigte Verbeugung vor dem, was eine gute technische Basis ausmacht- historisch gesehen und heute.
Die erste Vorschau - in doppeltem Sinne, da als „Work in progress 1“ angekündigt - war gleichzeitig einer der Höhepunkte dieser Veranstaltung: in der unverkennbaren choreographischen Sprache Christina Medinas (Austria/Canada) - gleichermaßen getragen von grazil-feiner „Hand-Arbeit“ und erdiger Energie - tanzte Young na Hyun (Japan) zu einem Text, der ein weiterer Grund war, dass es einem kalt über den Rücken lief: „…We have to begin to enjoy the differences in the human family like we enjoy the differences in a garden of flowers.”
Ähnliches ist über die tanz-technische Qualität von Medinas Choreographie in „Work in progress 3“ zu sagen, einem Duo, interpretiert von Young na Hyun (Japan) und Beate Arndt (Austria, Deutschland); inhaltlich ein (Macht)-Spiel zweier Frauen; eine abwechslungsreich, ausnahmslos den Spannungsbogen haltende Geschichte des Mit-, Gegen-, Zu-, Von- und Durch-Einander … auf jeden Fall nicht Ohne-Einander. Doch, hie und da muss noch eine bearbeitende Feile angesetzt werden, aber schon jetzt besticht - vor allem auch - die Qualität in den kleinen, fast zu übersehenden Gesten und Bewegungen voll und ganz.
Witz und Gesellschaftskritik - die Rolle der Frau gegenüber der ihres Mannes, hier „dargestellt“ von einer Puppe - liegen Medinas dritter Choreographie, gemeinsam kreiert mit der Tänzerin Charlotte Kupfer (Austria/Deutschland), zu Grunde: ein ungewöhnlicher, überaus origineller Versuch, der auf genauere Bearbeitung und auf Ausbau wartet.
Die beiden weiteren kleinen Choreographien Medinas (gezeigt nur am dritten Abend) scheiterten im ersten Fall an der tänzerischen Fehlbesetzung, im zweiten
u. A. wohl an zu geringer Vorbereitungszeit und etwa - als Steigbügelhalter ? - am Pathos.
Ganz anderer Art die drei Choreographien Tamás Topolánszkys (Ungarn) :
„Die vier Jahreszeiten“ nach Antonio Vivaldis gleichnamiger Musik, getanzt von ihm und drei weiteren Tänzern aus Ungarn, ist grundsätzlich als mutiges Unterfangen herauszustreichen; erst recht, wenn die Realisierung sich (insbesondere für große Männer) sehr eingeschränkten Platzverhältnissen beugen muss. Allerdings war es diese „Auflage“ u. A. auch immer wieder, die die Kreativitäts-Grenzen und die der Tänzer erkennen ließen. Das offensichtliche Bemühen um inhaltliche Relevanz der teilweise ebenso rollenspezifischen wie -kritischen Art - unterstützt auch durch ein illustrierendes Video - scheiterte zumeist an der diesbezüglich fehlenden Authentizität der Tänzer; das Ergebnis erschöpfte sich - neben einigen technisch ideenreichen Passagen - immer wieder in einem nicht mehr als nett-dekorativen pas de quatre. Nicht unähnlich dem, was zur ungleich kürzeren, aber ebenfalls vor allem netten Choreographie „La Parade“ der vier Damen zu vermerken ist.
Von Grund auf anderer Qualität ist die des Pas de deux „Unisex“, getanzt von Beate Arndt und Yannick Badier (Frankreich). Überzeugend die Unbekümmertheit, mit der Topolánszky seine Tänzer zur Musik von Piazolla/Vivaldi agieren lässt, immer wieder auch bezaubernd ihre Interpretation; allein, die technischen Unschärfen sind mit der Zeit nicht mehr von naivem Charme, sondern schlicht fehl am Patz; kontinuierliche Körperspannung und vor allem zielgerichteter, exakter Energiefluss in den Bewegungen sind in dieser Art tanz-erotischer Machtkämpfe essentiell, ihr Mangel kaum entschuldbar.
Dennoch aber gilt die Aufforderung weiter zu machen - nicht nur für diese beiden sondern für das gesamte, das künstlerische und das organisatorische Team dieser Veranstaltung.

Eveline Koberg

Online am: 13.08.2007, © www.tanz.at