Ausgewogener Dreiklang

Akemi Takeyas "Feeler": präzise, hochartifiziell und doch dramatisch

Feeler, Semper-Depot / ImPulsTanz, 05.08.2007.

Das weiße Quadrat im Halbrund des Semperdepots liegt noch im Dämmerlicht. Stumm steht Akemi Takeya in kurzem bronzefarbenen Kleid, weißem Felljäckchen und Sneakers vor dem Mikrofon. Bannt das Publikum mit ihrem Blick. Ist die Künstlerin.
Es wird gleißend hell, Takeya nimmt eine Fieberglasstange, ihre Fühler, balanciert sie auf dem Kopf, wirft sie ab, sucht wieder die Balance. Kleine Bewegung, ein Fuß wird vor oder zurückgestellt, der Kopf sanft bewegt, dass der Stab zu schwingen scheint und im Licht aufblitzt, dann wird er wieder mit den Händen justiert, die Finger werden gelockert, die Fühler schweben, fallen. Sie ist die Performerin.
Später lässt Takeya die Felljacke fallen, zieht Schuhe und Kleid aus, liegt entspannt auf dem Boden, die Fühlerstange spielt locker über den Kopf, der ist Blick in die unendliche Höhe der Kuppel gerichtet. Es scheint ihr zu schwindeln. Akemi Takeya ist sie selbst, die Frau.
Mit dem Fühler (Feeler), sagt Takeya, will sie ihren Körper zu einer beweglichen Skulptur machen und gleichzeitig ihre Möglichkeiten erweitern, in den Raum vordringen. So wie sie für die Performance ihre Person in drei Dimensionen sieht, so soll auch der Raum sein, in dem sie sich bewegt: Eine Dreiheit. Ein Dreiklang aus Bühne (das weiße Quadrat), Licht (Bruno Pocheron) und Ton. Die von Heinz Ditsch geschaffenen elektronischen Klänge (nicht immer ohrenfreundlich) scheinen direkten Einfluss auf die Fühler, auf die ganze menschliche Skulptur zu haben, als ob die hohen Töne die Stange vom Kopf werfen könnten, das dumpfe Brummen sie in Balance hielte. Drei Mikrophone bilden diesen Klangraum in dem sich die Performerin bewegt als wäre er sichtbare Architektur.
Das hochartifizielle Stück ist wegen der Präzision und Konzentration der Künstlerin trotz der minimalistischen Bewegungen geradezu dramatisch. Takeya setzt nicht nur ihren Körper, Arme, Beine, Hände, Finger ein, sondern auch ihre Mimik: Oft scheint ihr Gesicht schmerzverzerrt oder ängstlich, dann wieder nahezu fröhlich entspannt. Selbst wenn sie ins Leere zu blicken scheint, hinter die Wand des Depotraums, hält sie ihr Publikum bei der Stange, verliert niemals den Kontakt, bleibt zugleich Schöpferin, Performerin, Person. Ob sie am Ziel der knapp 50minütigen Vorstellung - „jenen Augenblick zu erfahren, indem die Balance zwischen allen Dimensionen des Selbst erreicht wird“ - angekommen ist, kann ich nicht entscheiden. Am Ende steht sie wieder im Dämmerlicht, sehr verletzlich jetzt, nur mit Strumpfhose und Büstenhalter bekleidet, legt den Kopf schief, blickt sinnend ins Publikum, dreht sich um und verschwindet.
Mit „Feeler hat es Akemi Takeya geschafft, Spannung und Entspannung, Harmonie und Dissonanz, Anwesen- und Abwesenheit, innere Empfindung und äußere Energie zu einem Ganzen (einem Gesamtkunstwerk?) werden zu lassen, das sich auch ohne die ihrer Herangehensweise zugrundeliegenden philosophischen Theorien unmittelbar erschließt.

Ditta Rudle

Online am: 13.08.2007, © www.tanz.at