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Susanne Linke und Emio Greco haben eigene Arbeiten einem Update unterzogen

Schrittte Verfolgen, Extra Dry, ImPulsTanz Wien / Volkstheater, 29.07. und 02.08.2007.

Die tänzerische Kreation - ihre Flüchtigkeit, ihre Moment- und Personenbezogenheit, ihre Wiederbelebbarkeit und Positionierung zu Vergangenheit und Gegenwart - sind Themen, die sich wie ein roter Faden durch eine Reihe aktueller, bei Impulstanz 2007 gezeigten Arbeiten ziehen. Nach Anne Marie de Keersmaeker haben sich auch Susanne Linke und Emio Greco mit dem eigenen Repertoire auseinandergesetzt. Während Emio Greco sein vielfach ausgezeichnetes "Extra Dry" überdacht und einem Update unterzogen hat, so hat Susanne Linke ihr erstes abendfüllendes Solostück "Schritte verfolgen" aus dem Jahr 1985, mit dem Untertitel "Rekonstruktion und Weitergabe" neu konzipiert und das vieraktige Stück für Tänzerinnen in verschiedenen Lebensaltern aufgesplittet.

Sicherheit, Fragilität und Ungewissheit
Eindringlich suggestiv der Prolog, wo Susanne Linke im opulenten Abendkleid als Todesallegorie langsam eine Sense auf ihrer Handfläche über die Bühne balanciert. Der Rest der wie schon 1985 von VA Wölfl gestalteten Bühne findet im klinischen Weiß eines beinahe leeren Bühnenraums statt. Die vier Akte führen in verschiedene Lebensetappen Linkes zurück, die erst mit sechs Jahren Hören und Sprechen lernte und in früher Kindheit von der Erfahrung einer psychiatrischen Klinik geprägt wurde. Eine Frau im weißen Nachtkittel kommt vom Bühnenrand immer wieder gegen den im Raum stehen Tisch gerannt, wirft ihr langes blondes Haar vors Gesicht und verschwindet wieder. Eine unentwegt wiederholte Geste, beinahe unmerklich in ihrer kaum unterscheidbaren Silhouette mal von Armelle van Eecloo, mal von Susanne Linke selbst ausgeführt, die damit ihr subtiles Spiel von Präsenz und Rückzug, von den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Weitergabe beginnt. Manchmal wandelt Linke als graue Eminenz, als schöpferischer Schatten im Hintergrund die Bühne entlang, z.B. während Mareike Franz mit zittriger Feinheit die Unsicherheit der Jahre der Jugend und Selbstsuche verkörpert. Zum Schluss nimmt die Meisterin mit Eleganz und Sicherheit den Raum ganz alleine für sich ein. "Schritte verfolgen" weist zurück und nach vor, lässt spüren, wie alles als Teil ihres Weges zu einem stets offenen Ganzen gewachsen ist, wie auch sie einen Teil des Weges der anderen Tänzerinnen mitbestimmt hat. Androgyn im grauen Anzug tanzend, dessen Sakko sie nur über einen Arm gestreift hat und auf der anderen Seite der bloße Arm und ein dünnes weißes Hemd sichtbar bleiben, legt Linke etwas wie ein männliches und weibliches Prinzip frei, eine erlangte und erarbeitete Sicherheit im künstlerischen Ausdruck, die immer - ganz egal in welcher Phase des (tänzerischen) Lebens - von einer Fragilität und Ungewissheit begleitet ist.

Der Flüchtigkeit ausgeliefert
Emio Greco und Pieter Scholten haben ihr vielfach ausgezeichnetes Stück "Extra Dry" aus dem Jahr 1999 als Duo für drei Tänzer, als Verwirrspiel des Verschwindens und Verschmelzens neu entworfen. "Fra cervello e movimento" ist der Titel der Trilogie ("Extra Dry" ist deren letzter Teil), mit der sich die beiden in die Sphäre zwischen Kopf und Körper, auf die Suche nach der Essenz des Tanzes begeben haben. Wie ein spiritueller Ort wirkt die leere, blassgolden leuchtende Bühne, auf der sich die beiden Tänzer im schlichten, weißen mönchshaften Kleid gegenüberstehen. Ein langsamer Weg der Annäherung beginnt, bis die beiden deckungsgleich hintereinander stehen und zu einer Figur verschmelzen, in präziser Synchronizität den Raum erkunden und erobern, die Verbindung zueinander dazwischen aber auch wieder verlieren. So wie es Emio Greco und seinen Tänzern gelingt, mit einfachsten Mitteln - einem Spiel von Licht, Schatten und Kontrasten, von Variationen im Tempo und einem trickreichen Wechsel zwischen den drei Tänzern von der ersten Sekunde an durch die Dynamik und Ästhetik ihrer Bewegung den Zuschauer in ihren Bann zu ziehen, so katapultieren sie ihn am Ende mit einem abrupten Lichtschwenk auf die schäbige Hinterbühne auch wieder hinaus. Der fluoreszierende Bühnenhintergrund entpuppt sich als dünnes, durchsichtiges Netz, die Tänzer verschwinden als Schatten im dunklen Vordergrund. Der Flüchtigkeit des tänzerischen Aktes scheint auch im Kontext einer aktualisierten Kreation nichts entgegen zu halten zu sein.

Karin Schiefer

Online am: 06.08.2007, © www.tanz.at