Vielseitige Inhalte, bezaubernde Naturkulissen

Das Performance-Programm beim Tanzsommer Bozen / Bolzano Danza 2007

Tanzsommer Bozen / Bolzano Danza, 11.bis 29.07.2007.

Nach der eigenen schweißtreibenden Anstrengungen in den diversen Tanztechniken gab es wie immer am Abend Gelegenheit die Vorstellungen u.a. am Stadttheater und an anderen öffentlichen Orten zu besuchen.
Den fulminanten Auftakt machte diesmal die Compañia Antonio Gades mit „Carmen“, eine Aufführung die den nachfolgenden Aufführungen den nötigen Impuls gab. Denn in der folge waren alle Vorstellungen des diesjährigen Tanzsommer Bozen sehr gut besucht bis ausverkauft.
Einen Ausflug auf Burg Sigmundskron, wo Reinhold Messner sein imposantes Mountain Museum eingerichtet hat, bescherte die Aufführung von Kataklò Athletic Dance Theatre, die in ihre Freiluftaufführung auch die Kulisse der Burg miteinbezogen. Die athletische Bewegungssprache des italienischen Ensembles im Stile von Momix ist seit der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in Turin 2006 weltweit bekannt. Die Gruppe überzeugte auch in Südtirol mit ihrer Präzision und poetischen Bühnensprache.
Im Bozener Stadttheater suchte man für die einzelnen Produktionen den passenden Rahmen. So wurde der Zuschauerraum für kleinere Formate wie „Sonate Bach“ der Compagnia Virgilio Sieni aus Florenz und „Cuocere il Mondo“ der Compagnia Raffaela Giordano kurzerhand auf die Bühne verlegt.
Die renommierte französische Compagnie Black Blanc Beur brauchte hingegen für ihre Produktion „Si je t'M“ den gesamten Bühnenraum. Die Liebesgeschichten und -begegnungen tanzten sie in virutosen Breakdance-Manier, ungewöhnlich war, dass dazu klassische Musik erklang.
Besonderen Anklang fand „Plaine des Sables“ mit dem Auftritt von Dansomania, der Truppe von Anne-Marie Porras. So war es möglich, die beliebte Pädagogin vom Bozener Sommertanzkurs in anderer Funktion zu sehen - als Choreografin für professionelle Tänzer, von denen einer Gianluca Girolami war, der sich darin als charismatischer Tanzinterpret entpuppte. Durch diesen ungewohnten Zugang wird einerseits Künstlern Gelegenheit gegeben, sich kreativ zu präsentieren und andererseits wird die enge Beziehung zwischen der Erarbeitung eines Tanzstücks und der Aufführung hervorgehoben, was die Verbundenheit der Kursteilnehmer mit dem Dargebotenen unterstreicht. Diese Kombination hat beim Publikum sehr großen Anklang gefunden und sollte in den nächsten Jahren unbedingt in ähnlicher Weise fortgesetzt werden. Anne-Marie Porras hat mit ihrer persönlichen Auffassung von zeitgenössischem Jazztanz eine sehr eigenständige Richtung entwickelt, die auf Alvin Ailey, Martha Graham und Merce Cunningham aufbaut. Die als italienische Erstaufführung gezeigte Kreation entstand 2004. Acht Tänzer, allesamt interessante, außergewöhnliche Persönlichkeiten, agieren in dieser Gruppe von Männern als Zentauren im Mit- und Gegeneinander. Zwischen sich steigernder Dynamik in viriler Wildheit der Bewegung und beruhigender Kontemplation spielen sich Kämpfe, Emotionen und an Initiationsrituale erinnernde Symboliken ab. Beeindruckend ist neben den tänzerischen Glanzleistungen entfesselter Kraft die wohltuende Kargheit der Bühne mit exaktem, pointiert eingesetztem Licht und die spannungsgeladene Klangkulissse von Armand Amar. Da ist keine überdimensionale Sandkiste oder Videoprojektion zur Visualisierung nötig, die Natürlichkeit der ungezähmten Wildheit der männlichen Körper überwiegt. Viel Jubel und Beifall vom zahlreich erschienenden Publikum.
Ganz anders der Eindruck 2 Tage später bei „vsprs“ von Alain Platel mit Les Ballets C. de la B. in einer hervorragend klingenden jazzigen Version von Fabrizio Cassol der barocken Vespri della Beata Vergine von Claudio Monteverdi - daher auch der Stückname abgeleitet durch Weglassen der Vokale. 10 Akteure, unterstützt durch eine Sopranistin und das 10köpfige Orchester, das ebenfalls auf der Bühne positioniert ist, befinden sich 90 Minuten lang auf Sinnsuche vor einem überdimensionalen Berg aus weißer Wäsche, der letztendlich erklommen wird. Platel, der in seinen Projekten immer ungewöhnliche Wege beschreitet - man erinnere sich nur an sein Mozart-Stück mit etwa 40 Hunden verschiedenster Rassen - benutzt viele Ausdrucksformen von Rezitation, Sprache, tänzerischer bis artistischer Bewegung zur Erläuterung seiner Auffassung von Erlösung, die in vielfältiger Weise von den Menschen gesucht und auch gefunden wird. Das international zusammen gewürfelte Ensemble ist um Eindringlichkeit bemüht; die Publikumsreaktionen zwar einhellig, aber die Meinungen über die Empfindungen polarisierend.
Den Abschluss des Performance-Festival bildete die tänzerische Installation „Fliegt alles auf“ der Bozener Compagnie Veronika Riz.im zauberhaften Kapuzinergarten.

Ira Werbowsky

Online am: 06.08.2007, © www.tanz.at