Das Sein und das Nichts |
Sidi Larbi Cherkaoui lässt in "Myth" durch ein Labyrinth aus Licht und Schatten tanzen |
Myth, ImPulstanz 2007 / Volkstheater, 24.07.2007. |
Menschen sitzen, lesen, stricken, schauen vor sich hin, töten die Zeit. Ein Skelett hat sich auch in die Runde gemischt. An den Wänden Regale von Büchern, alte schwere Bücher in Leder gebunden und mit Goldlettern versehen, vielleicht religiöse Schriften, vielleicht alte Bücher voller Mythen und Märchen, aus denen sich unsere Träume und Phantasien seit Jahrhunderten nähren. Dazwischen Totenköpfe - von Menschen vor allem, aber auch von Tieren. Ein Kabinett der Wissenschaften oder der Gruselbilder, ein Ort des Wissens und der Vernunft, wo sich still und leise das Irrationale breit zu machen beginnt. Sidi Larbi Cherkaouis Bühnenbild für sein neues Stück "Myth" scheint wie ein zum Leben erwecktes Stillleben, das zwischen Mittelalter und einer modernen Zeitlosigkeit zu schweben scheint. Da hinein hat der aus Brüssel stammende Choreograf das Sein als Wartezimmer auf die Erlösung inszeniert. Sechs eher exzentrisch anmutende Figuren werden von schwarzen Schattengestalten heimgesucht, die lautlos aus den Fugen und Spalten der Bücherwände gekrochen kommen, biegsam und leicht wie Federn durch den Raum gleiten und die Menschen in ihrem eitlen Sein provozieren und irritieren. Die vierzehn Tänzer und Darsteller des Antwerpener Toonelhuis-Theaters liefern, getragen von den mittelalterlichen Klängen des italienischen Ensemble Micrologus, einen fulminanten Tanz mit und gegen die dunklen Mächte, die geschmeidig und schwerelos die diesseitigen Existenzen umgarnen und durchdringen. Cherkaoui hat aus Märchen- und Alltagswelten einen poetischen Kosmos geschaffen und den menschlichen Kampf gegen die bedrohlichen Ängste des Schattenreichs in eine humorvolle wie eindringliche Abhandlung von Sein und Schein verpackt. Ein scharfsinniges Spiel zwischen Intensität und Leichtigkeit, berührendes und berückendes Theater der Bilder, Klänge und Körper. Leicht und verspielt wie ein Sommerschatten, dunkel und beunruhigend wie die langen Schatten, die der Nacht vorauseilen.
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Karin Schiefer |
Online am: 01.08.2007, © www.tanz.at |