Tanz ist Leben lautet ein Motto der Bühnenwerkstatt; Tanz bewegt - auch (oder sollte regionalkritisch nicht besser gesagt werden: sogar) in Graz, ist hinzufügbar. Bewegte bei der Eröffnung zwar noch nicht die Mengen, die viele Jahre selbstverständlich waren; aber - wegen technischer Pannen - auch niemanden dazu, die Nerven zu verlieren, zu protestieren oder zu gehen; vielmehr begann (wieder) diese erwartungsvolle, diese energiegeladen-brodelnde Atmosphäre Raum zu greifen - und hielt die Räume bis zur Werkschau am letzten Tropen-Abend im randvollen Saal und im Foyer mit zahlreichen Zuschauern vor der Leinwand mit Live-Übertragung mit künstlerisch aktivem Leben besetzt. Wobei an diesem letzten Abend weniger mehr gewesen wäre - auch wenn jede Gruppe/Klasse und deren DozentInen viel zu erzählen haben; vieles, was einerseits in seiner unbefangenen Freude am Tun (jeder mit seinem Können) überzeugt und andererseits durch die spürbar dahinter steckende, harte zehntägigen Arbeit immer wieder überrascht und viel Achtung hervorruft.
Christian Medina Zurück zur Eröffnung, die durch Christina Medina - außer Konkurrenz als Kostprobe für ein geplantes Programm - erfolgte: mit der ihr eigenen, geschmeidig-kraftvoll fließenden Tanzsprache; warum sie glaubt, die Unterstützung, Verstärkung eines Video (und sei dieses auch noch so gekonnt kreiert) zu brauchen, bleibt bei dem hier gezeigten Nebeneinander der beiden künstlerischen Medien (noch) unbeantwortet.
Theaterakademie Berlin Dann die eigentliche Vorschau: einer Szene aus Der Engel der Theaterakademie Berlin; angekündigt als traditionelles deutsches Tanztheater; vorsichtig neutral war danach die Erwartung, die sich (dramatisiert) im Sinne des Untertitels wie aus Träume Albträume werden am Tag der Gesamtaufführung realisierte: inhaltsschwangere, aneinander gereihte theatralische Episoden wurden da weniger gespielt als mit Hilfe von Power-Point-Projektionen, Bühnennebel, Masken, chorischem Sprechen und was sonst noch bühnentauglich ist - ach ja, wie etwa ein paar tänzerische Bewegungen - auf und über die Bretter gebracht.
Elio Gervasi Die Choreographie Elio Gervasis, des Mitbegründers und ehemaligen Leiters der Werkstatt und des Festivals, wurde nicht weil konnte nicht ausschnittsweise vorangekündigt werden: EXIT 2-4-1, ist eine zutiefst emotionale, eruptive Bewegungsstudie irgendwo auf dem Weg in das weibliche Ich und (manchmal) aus diesem heraus; von Leonie Wahl mit geradezu aufopfernder Dichte (ein wenig zu oft sich wiederholend, weitere, andere Möglichkeiten der Suche vielleicht übersehend) nacherlebbar gemacht - wenn man/frau sich darauf einließ respektive es wollte/konnte. Ein Grenzgang in mehrfacher Hinsicht.
Cie Avalanche Cie. Avalanche musste nicht vorgestellt, aber sollte durchaus (auch nochmals) gesehen werden: ihre Kreation(en) aus klassischen Elementen und Hip Hop ist aus einem Guss, ist mitreißend, ist in seiner kreativ-eigenwilligen Weise authentisch, ist im mehrfachen Wortsinn bewegend - ist rundherum gekonnt, technisch wie atmosphärisch. Sie versetzt nicht etwas, was Teil einer komplexen Kultur ist, als herausgerissenen Einzelteil auf eine Bühne, sondern lässt eine Facette dieses jugendlichen Feelings nachempfinden - atemberaubend auch ohne Eigenbewegung und auch nicht erst dann, wenn sie die lokale Szene zum Battle herausfordert! Als viel versprechend präsentierte sich die Vorschau, die T. Danielis und C. Fürnholz in ihren Pas de Deux Proxima Parada boten. Allein das, was sich im ewigen Tanz der Beziehung(en) in der Kürze des Ausschnitts als ungewöhnlich, geradezu neu in der Konstellation, im Aufzeigen, im tänzerischen Ausdrücken von möglichen Strängen des Miteinander in spannenden Ansätzen gezeigt hatte, blieb die entsprechende Aus- und Weiterführung (noch) schuldig, entglitt immer mehr an die Oberfläche, zu großen Gesten und in (Endlos-) Schleifen nichtssagender Wiederholungen.
Valerie Lamielle Auch Valérie Lamielle verliert sich in "Une muse dans le thèatre" in der vorletzten Sequenz in der Länge; aber das kann den ungewöhnlichen, expressiven wie östlichen Kulturen, aber auch dem Heute verpflichteten tiefgründigen Szenen nichts in ihrer nachhaltigen Wirkung anhaben. Das mutige, auch vor Selbstkritik nicht Halt machende performative Können dieser Frau - ob mimisch, mit Maske, mit unbarmherzigem Fingertanz oder der Ungeschminktheit eines anklagenden, nackten Oberkörpers - berührt nicht nur, sondern greift, fest und tief.
Cie Grigio Verde Noch nicht anwesend war am Eröffnungsabend verständlicherweise die relativ große römische Gruppe Cie. Grigio Verde, zu deren Ankündigung dafür aber Bob Curtis als Vergleich herhalten musste. Allein, vor diesem Großen sind sie (auch in der Summe) sehr klein. Als ob sie dies spürten erklären sie an Hand einiger Video Bilder, worum es in ihrer Choreographie geht Und dann, dann wird in nahezu naivem Realismus erzählt: zumeist in corps de ballet - Bildern, die, wenngleich nicht gerade der Homogenität oder der Detailarbeit verpflichtet, immer wieder einmal schön, manches Mal auch von einer gewissen Poesie und hie und da auch von Tiefgang sind. Ebenso oft allerdings entschaukeln sie auf entsprechender Musik und kuscheligen Ethnowellen in Schunkelgefilde, was sich das Thema Afrika wahrlich nicht verdient hat. Ein in jeder Hinsicht überaus unterschiedliches Programm also, das in diesen 10 Tagen im Theater im Palais zu erleben war und das, wie seit jeher, zu einem der wenigen tänzerischen Höhepunkten in Graz zählt. |