Mehr als tausend Worte |
Die Geschichte eines Kindersoldaten als Performance |
Nine Finger, ImPulstanz 2007 / Schauspielhaus, 19.07.2007. |
Beasts of No Nation heißt der Roman des in Nigeria geborenen Amerikaners Uzodinma Iwleala, in dem er die Geschichte eines afrikanischen Kindersoldaten erzählt. Agu muss stehlen, töten, vergewaltigen, wird vergewaltigt und missbraucht. Weiß dass es Sünde ist, was er tut, tun muss, doch Hunger, Furcht und Einsamkeit lassen ihn ausführen, was ihm befohlen wird. Und manchmal verspürt er sogar Lust dabei. Grausamkeit macht grausam, Gewalt gebiert Gewalt. Nur die Gedanken an seine Familie, an eine bessere Zukunft, in der er essen kann, so viel er will, halten ihn am Leben. Aus den Erzählungen Agus haben die ehemalige Rosas-Tänzerin Fumiyo Ikeda, der flämische Schauspieler Benjamin Verdonck und der Choreograf Alain Platel (Mitbegründer des Tanzkollektivs Les Ballets C. de la B.) eine knapp 60minütige Performance gestaltet, die seit der Premiere im Jänner 2007 in Brüssel durch Europa reist und bei ImPulsTanz in Wien eine zwiespältig aufgenommene Österreichpremiere erlebte. Um es gleich vorwegzunehmen: Platels Handschrift ist nicht zu erkennen, er tritt auch nur als Beteiligter an der Stückentwicklung auf, nicht als Regisseur oder Choreograf. Vermutlich hat er kommentiert, vielleicht auch kontrolliert, was Ikeda und Verdonck erarbeitet haben. Verdonck hat sich für seine Rolle als Agu eine irrwitzige Kreischsprache erdacht, mit der er ganze Passagen aus dem Buch zitiert, brüllt, stammelt. Meist unverständlich, nicht wirklich berührend. Der blanke Horror ist auch durch Überexpressionismus nicht darzustellen, wirkt sogar komisch, mitunter ermüdend. Verdonck bleibt immer Verdonck, ein Darsteller einer Rolle, spielt sich exaltiert an die Rampe und zeigt dennoch nur ein beschränktes Repertoire der Gestaltung. Selbst wenn er sich das Gesicht mit schwarzer Paste einschmiert und dann mit den schmutzigen Händen alles schwärzt, was er angreift, auch Arme und Beine der Tänzerin, ist sie es, die geschundene Frau mit den blauen Flecken an den Gliedern, der die Aufmerksamkeit gehört. Fumiyo Ikeda ist allgegenwärtig, als Agu und sein besseres Ich, als Opfer und auch Täter, als Familie und Freund und Helferin. Fumiyo Ikeda ist das Erlebnis des Abends. Sie ist Angst und Trauer, Schmerz und Erschrecken und auch Mitleid und Frohsinn. Ohne Worte. Wenn sie versucht ein Lied zu singen, bleibt ihr vor Angst und Schmerz die Stimme weg. Der kreischende Irrsinn hat dagegen wenig Chance. Wen sie im orangen Kapuzenmäntelchen auf der leeren Bühne steht - lediglich eine dreckige Matratze, ein großer Pappkarton und das Mikro dienen als Requisiten - , die Augen riesengroß, den Mund zum Weinen verzogen, die Hände zu Krallen versteift, möchte man sie in die Arme nehmen, trösten und versprechen, dass alles gut wird. Ikeda tänzerische Ausdruckskraft macht all die vielen Wörter überflüssig, sie spielt keine Rolle, sie ist. Höchste Schauspielkunst im perfekten Tanz. Ich stelle mir vor, was sie allein mit der Sprache ihres Körpers erzählen hätte können. Vielleicht wäre dann der Schock eingetreten, hätten sich Horror und Grauen auch auf mich übertragen. Doch Alain Platel, mag keine Solos (sagt er in einem Interview) und so gab der Abend zu wenig, weil er zu viel wollte. |
Karin Schiefer |
Online am: 01.08.2007, © www.tanz.at |