Variationen von Liebe und Tod |
Die Wiederaufnahme von Romeo und Julia in der Staatsoper bewies die Unvergänglichkeit von John Crankos Choreografie. |
Romeo und Julia, Wiener Staatsoper, 21. und 29.06.2007. |
Mit der Neueinstudierung von Romeo und Julia hat das Ballett der Wiener Staatsoper (und Volksoper) einen Schatz aus dem Repertoire gehoben, der es wahrlich wert ist, gehegt und gepflegt zu werden. Die perfekte Einheit der gefühlsintensiven Choreografie John Crankos zu den gewagten Harmonien von Sergej Prokofjews klar melodischer Ballettmusik samt Jürgen Roses prächtiger Ausstattung erfüllt die höchsten Ansprüche an ein Meisterwerk. In der Neueinstudierung von Tamas Detrich schloss die Staatsoper mit zwei Besetzungsvarianten damit die Ballettsaison - und wird sie auch im Herbst (17., 21.9) wieder damit eröffnen.
Gregor Hatala und Irina Tsymbal
In der ersten Aufführung tanzte Wiens Romeo schlechthin, Gregor Hatala, assistiert von zahlreichen RollendebütantInnen, die Titelrolle. die Liebe zu seiner Julia, Irina Tsymbal, will aber nicht so recht erblühen. Weniger die Größenunterschiede als die offensichtliche Gefühlsarmut der Tänzerin bremsen alle Bemühungen Hatalas ein innig liebend Paar zu bilden. Sogar die Balkonszene lässt seltsam kühl. Lediglich in ihren Soloparts, etwa wenn sie Pater Lorenzo (Nikolaus Adler, ebenfalls neu in der Rolle) besucht oder ihren Scheintod vorbereitet, zeigt Tsymbal ihre Stärken, aber eben auch, dass sie nicht die richtige Partnerin für Hatala ist. Brillant hingegen die beiden jungen Tänzer, Daniil Simkin und Denys Cherevychko, als Freunde Romeos. Mit frischer Akrobatik, schalkhafter Theatralik und ans Herz gehender Dramatik (Cherevychko als langsam sterbender Mercutio) machen die beiden 20jährigen Crankos Intentionen alle Ehre. Im Herbst werden sie als Max und Moritz in der Volksoper Premiere haben - einen Vorgeschmack haben sie als Romeos aufmüpfige Begleiter bereits gegeben. Ivan Popov ist ein langweiliger Paris, der sich ganz dem eklig unpädagogischen Verhalten der Eltern (Dagmar Kronberger tanzt zum ersten Mal Mutter Capulet) anpasst.
Auffallend gut trainiert und trotz des gewollten Wirbels in den Marktszenen einheitlich und energiegeladen, das Corps de ballet. Misstöne erklangen bei dieser ersten Aufführung der Wiederaufnahme lediglich aus dem Orchestergraben. Michael Halász hatte mit seinem Taktstock wenig Chancen. Wenn die Wiener Philharmoniker in ihrer Funktion als Staatsopernorchester dem Ballett schon nicht besonders viel Hochachtung entgegenbringen, dann doch wenigstens der großartigen Musik Prokofjews oder auch dem zahlenden Publikum. Schwierige Passagen ein wenig zu üben, ist auch Substituten zuzumuten. Dass es auch anders geht, bewies die zweite Aufführung am 29. Juni, in der die Bläser mit Reinheit und die Streicher mit Wärme für Stimmung sorgten. Zufrieden konnte im frenetischen Schlussapplaus Halász seinen Blumenstrauß empfangen.
Maria Yakovleva und Mihail Sosnovschi
Der Jubel galt natürlich vor allem dem Liebespaar, einem wirklich innig und feurig liebenden Paar, Maria Yakovleva und Mihail Sosnovschi. Wie einst Tamás Solymosi lässt dieser den Mantel fliegen, wenn er zur Liebsten eilt und wirft sich mit Verve auf die Knie, um mit überaus sanfter Geste den Kopf in Julias Schoß zu legen, als wollte er sich nie wieder erheben. Wunderschön im Tempo, die erste Begegnung von Romeo und Julia auf dem Ball, mimisch und körperlich lassen sie spüren und sehen, wie die Liebe aufkeimt. Sowohl Sosnovschi als auch Yakovleva breiten eine reiche Skala an Empfindungen aus und machen die alte Geschichte wieder lebendig. Wie von Geisterhand in die Höhe gezogen, schwebt Yakovleva in seine Arme, arbeitet bei jeder Hebung, bei allen Schwüngen und Würfen ohne Anstrengung mit und lässt es auch an Gefühlsaudruck nicht fehlen. Sosnovschi und Yakovleva empfehlen sich mit diesem Debüt als ideales Paar und erhielten zu Recht heftigen Applaus. András Lukács (Mercutio) und Vladimir Tristan (Benvolio) zeigten sich erstmals als Romeos Adlaten, natürlich als erwachsene, eher ernsthafte Männer. An ihrem Auftritt ist nichts auszusetzen, doch sind natürlich die effektvollen Sprünge von Simkin / Cherevychko publikumswirksamer. Neu war auch Kirill Kourlaev als Tybalt. Während der rollenerfahrene Eno Peci in der ersten Aufführung einen introvertierten, eisigen, vom Hass zerfressenen Cousin spielt, ist Kourlaev eher ein Heißsporn, ein Raufbold, der überall dreinschlägt, ob mit oder ohne Grund. Alexandru Tcacenco, noch im Corps, tanzte den ungeliebten Bräutigam Paris zum ersten Mal und gab der undankbaren Rolle unerwartetes Profil. Legte man die Besetzungen beider Aufführungsvarianten zusammen, könnte ein perfekter Abend entstehen: Sosnovschi / Yakovleva: Romeo und Julia; Cherevychko / Simkin: Mercutio und Benvolio; Peci als Tybalt; Tcacenco als Graf Paris; Halász am Dirigentenpult. An meine Traummutter Capulet, Marielouise Jaska, kommt allerdings keine der Tänzerinnen heran. Doch muss zum Abschluss noch dem so oft etwas lächerlichen Auftritt der Lilienmädchen (sechs von acht tanzten zum ersten Mal) erwähnt werden. Da hat Detrich beim Einstudieren beste Arbeit geleistet: Sicher und harmonisch mit weichen Armbewegungen bieten die Damen des Corps eine letzte duftige Einlage, bevor die Tragödie ihren Höhepunkt erreicht.
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Ditta Rudle |
Online am: 02.07.2007, © www.tanz.at |