Die vielen Gesichter der Tanzes

Der Kuratorin Liz King gelang bei Österreich tanzt 2007 ein rundes, und abwechslungsreiches Programm - mit Workshops, Aufführungen, einem Film und mit zwei Spezialprojekten: Membran und Schools4Schools

Festival Österreich tanzt, Festspielhaus St. Pölten, 20. bis 23.06.2007.

Wie feinsinnig das heurige Festival „Österreich tanzt“ von Liz King geplant war, bewiesen nicht nur die gut gebuchten Workshops von Hip Hop bis zu Tanz für Gehörlose, sondern vor allem auch die drei Performance-Abende mit jeweils zwei Stücken, die in ihrer Form gegensätzlicher nicht sein können, im Gehalt und den durch Tanz ausgelösten Gefühlen jedoch in engem Zusammenhang stehen.
Am Mittwochabend (23. Juni) ging für den der Performance-Teil des Festivals „Österreich tanzt 2007“ der Vorhang auf. Für zwei Uraufführungen. Elio Gervasi und Bernd R. Bienert , die von Festival-Kuratorin Liz King eingeladenen Wiener Choreografen, zeigten zwei neue Choreografien, wobei Gervasi einen ersten Ausschnitt (Exit 2 - 4 -1“) aus einer größeren Arbeit für Leonie Wahl auf die Hinterbühne stellte.

Elio Gervasi
Die 30jährige Leonie Wahl tanzt seit 2001 in Gervasi Compagnie und erarbeitete mit dem Choreografen ein Solo, in dem sie sich „auf die Suche nach ihrer Identität“ begibt. Titel und Erklärungen machen sich recht gut im Programmheft, müssen auch sein, können aber oft, mit dem, was dann zu sehen ist, nicht wirklich in Einklang gebracht werden. Das war mir jedoch im konkreten Fall egal. Wahl, eine zarte Tänzerin mit ebenso weichen (die Ballettausbildung macht's möglich) wie energischen Bewegungen, schont sich nicht, sucht mit ihrem Körper immer wieder nach der Balance in dieser, ihrer Welt. Dekorativ grenzt ein mehrfaches Gummiband das helle Quadrat ihres Bewegungsraumes ab. Anfangs eine nicht zu überschreitende Grenze, dient es der Tänzerin später mit den genau im Rhythmus der elektronischen Gewittergeräusche abgefederten Einzelfäden, als effektvoll schnalzendes Saiteninstrument. Die Suche nach der Identität (ich halte mich an das Programmheft) gestaltet sich als ziemlich brutaler Kampf mit sich selbst. Das Licht wechselt, Erschöpfung macht sich merkbar, die Tänzerin sitzt als kleines Mädchen auf dem Boden, zeichnet mit spitzen Fingern ihre Silhouette nach. Noch einmal bäumt sie sich auf, flüchtet dann in ihre Träume, lässt den Löwen brüllen und wird zum Filmstar bei Paramount. Ein Fragment, das auf das gesamte Stück (Premiere von „2 Exits for One“ am 10. 8 bei ImPulsTanz) neugierig macht.

Bernd Bienert
Bernd R. Bienert suchte sich als Namensgeber für seine Choreografie den von seiner Stiefmutter Phädra begehrten und verleumdeten Hippolytos aus, erinnert auch an die jahrelang gefangen gehaltene Natascha K. und zitiert auch noch ein Gedicht von Elfriede Gerstl. Auch in diesem Fall hat die Befrachtung der Choreografie mit erklärenden Wörtern dem Tanz nicht geschadet. Esther Koller, eine echte Ausnahmetänzerin, bewegt sich ohne Musik im scharf ausgeleuchteten Rechteck, geht im Kreis, läuft gegen die imaginäre Wand, misst den begrenzten Raum in allen Richtungen aus, schwankt zwischen Auflehnung und Resignation. Im Mittelstück der Choreografie steht ein intensiver, dramatischer Pas de deux mit Kun-Chen Shi (Tänzer in der Compagnie homunculus). Gegeneinander, umeinander und miteinander, synchron und kontrapunktisch bewegen sich Tänzerin und Tänzer in einem spannungsgeladenem Gespräch. Eine Geschichte dazu muss mir nicht einfallen, der pure Tanz genügt. Pur ist Bienerts Choreografie im wahrsten Sinn, kommt er doch ganz ohne Geräusche oder Musik aus. Niemals hätte ich gedacht, dass das funktionieren kann, dass ich mich nicht nach Futter für die Ohren sehnen würde. Doch die Körperarbeit von Esther Koller und Kun-Chen Shi füllt den Raum, fesselt alle Sinne. Es fehlt nichts. Im letzten Teil ist Koller wieder allein, tritt mit nacktem Oberkörper auf und macht möglicherweise das deprimierende Einerlei in der Isolation (freiwillig gewählt oder durch Terror erzwungen) anschaulich. Die Schritte und Gesten wiederholen sich, der Spannungsbogen verflacht. Das Ende kommt zu spät. Was mich nicht daran hindert, diesen Abend der doppelten Uraufführung als überaus sehenswert und eines Festivals würdig zu empfehlen.

Liz King
Die Kuratorin des Festivals durchbrach am Freitagabend mit zwei Gruppenstücken den Reigen der Soli. Die jungen TänzerInnen von D.ID/danceidentity und Esther Koller (die auch bei der Choreografie mitwirkte) zeigten eine Kurzversion von „NY:X“ (siehe auch Kritik der Uraufführung im Offenen Haus Oberwart). In der gekürzten Form kommt die choreografisch-tänzerische Recherche noch viel klarer zum Ausdruck als bei der ursprünglichen Fassung. Besonders Emöke Gombás und Petr Ochvat haben haben sich mittlerweile Kings Bewegungssprache ganz zu Eigen gemacht.
Mit den wunderbaren TänzerInnen der postgradualen Compagnie x.IDA vom choreographic centre linz studierte Liz King „6 Dances for Newton“ ein - ein Stück, in dem die TänzerInnen ständig am Rande der Balance jonglieren, bevor sie von der Schwerkraft überwältigt werden. Beide Choreografien zeigen den neuen Weg von Liz King, die nun ganz auf die Fähigkeiten und die Ausstrahlung ihrer jungen TänzerInnen vertraut und sie in eine dynamische Tanzsprache einführt, die sie in jedem Moment herausfordert.

Chris Haring
Nach den beiden Tanzstücken für junge TänzerInnen von Liz King am Freitag beschäftigten sich die Tänzerinnen Stephanie Cumming und Anna Tenta am Abschlussabend (23. Juni) mit der Veränderung und möglichen Auflösung der Identität.
Stephanie Cumming, Startänzerin in Chris Harings Kompanie liquid loft, ist der Körper in dem 2004 entstandenem Stück „Legal Errorist“. Im schwarzen Bikini zerlegt sie mit Witz und Akribie ihren Körper in seine Teile. Die Bauchdecke wölbt sich, als hauste darunter ein fremdes Wesen, die Arme sind wie bei einer Gliederpuppe zum Abmontieren bereit, die Hände, die Beine, ja die Augenlieder - jeder Teil des Frauenkörpers wird zu einem Rädchen in der Maschine Mensch. Macht die Maschinistin (Erroristin), umgeben von Lauten und Geräuschen, im verzweifelt plappernden und fragenden Gespräch mit sich selbst, einen Fehler, kommt der Helfer, startet das Räderwerk neu. Der Schatten macht sich (als Video von Oliver Bokan) selbstständig, der Körper ist leer, der Mensch nur noch ein Irrtum. Harings intelligent-witzige Choreografie lebt von Stephanie Cummings Körperbeherrschung, ihrer Gelenkigkeit und Ausdruckskraft. Im intimen Raum der Hinterbühne des Festspielhauses St. Pölten war dieses Stück aus Harings Archiv besonders wirksam. Inzwischen hat Haring den Körper übrigens wieder zusammengesetzt und lässt ihn posieren. Der 2. Teil seines „Posing Projects“ „The art of seduction“ hat bei ImPulsTanz am 8.8. im Semper Depot Premiere.

Anna Tenta
Auf einem Boulevard of broken Dreams, vor dem geöffneten Zuschauerraum, in dem die Sicherheitslichter auf den Stufen blitzen, entwickelt die international erfolgreiche Tänzerin Anna Tenta ihre Performance. Sie versetzt sich ins „One Star Hotel“, einen Ort der verlorenen Träume und gebrochenen Herzen, einen romantischen Ort jedenfalls, wie auch der das Solo begleitende Song. Doch Träume allein, und seien sie noch so schrankenlos, genügen nicht. Die Realität verlangt zu handeln. So schält sich die Frau im Hotel aus der Haut, gibt sich mit blauer Farbe eine neue, verlässt den trüben Ort und entschwindet über die Stufen in eine andere Welt. Anna Tenta ist eine vielbeschäftigte Tänzerin, sie pendelt zwischen Zürich und Salzburg, Frankfurt (bei Frederick Forsythe) und Paris und arbeitet auch als Choreografin und Workshopleiterin für andere. Eine Karriere ist der 30jährigen sicher.

Max Biskup
Am Nachmittag dieses abschließenden Samstags war ein kurzer Blick auf die Arbeit von Max Biskup zu werfen, der mit 25 jungen Frauen (zwischen 14 und 18) einen „21. Jahrhundert-Noir-Musicalfilm“ gedreht hat. Die Jugendlichen haben unterschiedliche Tanzerfahrungen und haben sich, von Susanne Chambalu trainiert, begeistert in die Arbeit gestürzt. Dass Filmen nicht nur aus den Drehtagen besteht, sondern auch aus der überaus langwierigen Arbeit am Schneidetisch, mussten sie erst lernen. Doch die wenigen Minuten, die Biskup als Beginn seines Horrorfilms (mit Festspielhaus-Intendant Michel Birkmeyer als Bösewicht) bereits zeigen konnte, machen neugierig auf das ganze Werk.

tanzfabrik-wien
Neugierig machte auch die Aufführung der tanzfabrik-wien am Samstagnachmittag. Unterstützt durch elektronische Musik (Josef Novotny) und der Bratsche von Elaine Koene zeigten gehörlose und hörende TänzerInnen und DarstellerInnen „Membran“, ein Stück in dem die Gebärdensprache eine wichtige Rolle spielt. Gebärdensprache ist - in „Membran“ wurde das augenfällig -Tanz, Tanz mit einem eigenen Vokabular. Eine neue Erfahrung für die ZuschauerInnen und vollste Befriedigung der Neugierde. Die von Mittänzer Mario Mattiazzo choreografierten Performance, bestehend aus Solos, Duos und Trios, kann sich als eigenständiger Tanzabend sehen lassen. Besonders die Gestik und auch die Sprache der Tänzerin Nadia Kichler macht dieses feine Stück Tanztheater reizvoll. Von 28. bis 30. Juni wird „Membran“ um 20 Uhr im Odeon (www.odeon-theater.at) gezeigt.

Schools4Schools
Nicht unerwähnt darf die Aufführung von vier Projekten mit Schulen bzw. mit jugendlichen DarstellerInnen bleiben, die am Donnerstag (21. Juni) präsentiert wurden. Die Veranstaltung gab Einblick in die Arbeit, die österreichische TänzerInnen mit Jugendlichen machen, und die von der Öffentlichkeit meist gar nicht wahrgenommen wird. Zu unrecht, wie sich zeigte, denn die Kreativität der jungen Menschen ist durchaus beachtenswert.
Gabriele Seeleitner hat mit der Mehrstufenklasse der Volksschule Friedrichsplatz im 15. Wiener Gemeindebezirk ein fantasievolles Märchen „Der bunte Urknall“ kreiert. Die SchülerInnen schrieben die Geschichte von drei Planeten - dem roten, dem blauen und dem gelben, auf denen es die EinwohnerInnen auf Grund ihrer Einfärbigkeit bald fad wurden. Sie begeben sich also auf die Reise, entdecken die Welt der anderen und erleben mit Freude die Vorteile der Vielfältigkeit. Die SchülerInnen übten dabei neben Tanzbewegungen auch die Kunst des freien Sprechens (drei SchülerInnen erzählten die Geschichte, die von der Gruppe tänzerisch umgesetzt wurde) und steuerten das "Bühnenbild" - auf die Wand projizierte Zeichnungen bei.
Bei Verena Stampf traf die kroatische Volkskultur auf die heutige Pop-Kultur. Die Tanzpädagogin hatte mit der zweisprachigen Hauptschule in Großwarasdorf gearbeitet und stellte jazzig choreografierte Nummern den Volksliedern und Tänzen - von den SchülerInnen nicht nur getanzt, sondern auch musiziert - gegenüber.
Die Choreografin Isabel Nowak (Tanztheater Springschuh) hat in „Eisvogel“ mit GymnasiastInnen die Situation einer Clique thematisiert, die vom Freitod eines Freundes traumatisiert ist. Zuerst will sich nur Eine aus der Gruppe mit dem Ereignis auseinandersetzen, während die anderen sich weigern, über ihren Freund, drei Jahre nach seinem Tod, noch immer zu reden. In vehementen Auseinandersetzungen erkennen sie aber nach und nach, dass sie alle vom Tod ihres Freundes betroffen sind und finden zu der für sie alle nötigen, einander unterstützenden Freundschaft. Nowak verbindet die Gespräche zwischen den Jugendlichen geschickt mit Tanzeinlagen und Videoeinspielungen und fordert die Jugendlichen zur emotionalen Eindringlichkeit heraus, bei der sie über sich hinauszuwachsen scheinen. Es ist überaus beeindruckend und berührend, wie authentisch und kraftvoll sie diese Geschichte spielen und verkörpern. Ein wunderbares Stück Tanztheater zu einem brandaktuellen Thema.
Mit den Acts der BGLD. BREAK BOYZ fand der Nachmittag einen sehr dynamischen Ausklang.

Ditta Rudle und Alexandra Fuchs

Online am: 25.06.2007, © www.tanz.at