Großartig musikbewegt |
Anne-Teresa de Keersmaeker und ihre Compagnie Rosas vertanzten Bartók, Beethoven und Schönberg - und wie! |
Nacht, Theater an der Wien, 13.06.2007. |
Anne-Teresa de Keersmaeker ist seit über zwanzig Jahren das musikalische Aushängeschild des zeitgenössischen Tanzes in Europa. Seit ihren ersten Arbeiten hat sie einen sehr markanten und unverwechselbaren Stil entwickelt, bei dem sich das Bewegungsmaterial aus, mit und zur Musik organisch entwickelt. Selten gibt es bei der belgischen Choreografen sperrige oder verwundene Bewegungen, ihre Tanzsprache ist in ständigem Fluss und ihre Werke wie aus einem Guss geformt. Dass de Keersmaeker manchmal der Vorwurf gemacht wird, sich zu wiederholen, liegt wohl daran, dass sie sich lange mit einer choreografischen Struktur beschäftigt. Der Dreiteiler, den sie nun unter dem Titel Nacht herausgebracht hat, zeigt drei Arbeiten aus den Jahren 1984 (Barók), 1992 (Beethoven) und 1995 (Schönberg), und widerlegt diesen Vorbehalt deutlich. Denn die Tanzsprache jedes der drei Stücke baut nicht nur auf unterschiedlichen choreografischen Themen auf, sondern auch die Dramaturgie ist unterschiedlich - und ergibt sich aus der jeweiligen Musik. Bartóks Quartett Nr. 4 führte zu einem verspielten und verschmitzten Mädchenquartett und zeigt die Frühphase der Choreografin, in der sie auch gerne mal in Kleinmäderlmanier das Röckchen lüpfte. Die frühen 1980er Jahre waren die Zeit, in der sich die Choreografien vor allem mit einfachen Schritten und Drehbewegungen bestanden, unterbrochen von alltäglichen Gesten, die den Tanzrhythmus folgten. Es ist auch das einzige Stück des Abends, in der die einzelnen Sätze voneinander getrennt sind, und den TänzerInnen außerhalb der musikalischen Struktur Raum gegeben wird. Am deutlichsten kam der organische Bewegungsfluss zu Beethovens Großer Fuge zum Ausdruck: Das Fallen aus einer aus der Achse geratenen Drehung heraus setzt sich am Boden fort. Als dynamisches Element verschieben sich die Fallaktionen und Drehungen kanonartig (wie in der Fuge) ineinander und überlappen sich. Das daraus entstehende Auf- und Abwogen der Körper versetzt die ZuschauerInnen in eine Art atemlosen Trancezustand. Das jüngste Stück zu Schönbergs Verklärte Nacht greift das romantische Thema auf und erzählt kleine Mann-Frau-Geschichten - angeregt von Richard Dehmels gleichnamigen Gedicht, das auch schon Schönberg zu seiner musikalischen Dichtung inspirierte. Hier verwendet de Keersmaeker spiralige Drehungen und dynamische Pas de deux, verlässt den sicheren Boden und lässt vor allem die Frauen in luftige Höhen springen, um auf den Schultern des Partners zu landen. Alle drei Stücke waren ursprünglich für abendfüllende Stücke kreiert worden, aber diese Herzstücke stehen durchaus für sich. Sie beweisen auch, dass Anne Teresa de Keersmaekers nachhaltigste Werke jene sind, die mit der Musik einhergehen. Ihre tanztheatralen Stücke, die sie zwischendurch immer wieder produziert hat, haben nie diese Qualität erreicht. Apropos Qualität: Großartig wie immer die Rosas-TänzerInnen und die musikalischen BegleiterInnen des Duke-Quartett. Lang anhaltender Jubel und warmer Applaus im Publikum. All das sind Gründe sich zu freuen, dass es nach den ersten beiden Gastspielen dieses Jahres eine regelmäßige Zusammenarbeit von Impulstanz mit dem neuen Opernhaus Theater an der Wien und Anne Teresa de Keersmaeker geben wird. Eine Choreografin, die Musikalität in eine heutige Tanzsprache übersetzen kann, wird ein Opernhaus heutzutage kaum finden.
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Edith Wolf Perez |
Online am: 15.06.2007, © www.tanz.at |