Barock als zeitgenössische Lektüre

Les Ballets C. de la B. in einer bewegenden Monterverdi-Interpretation von Alain Platel und Fabrizio Cassol

vsprs, Theater an der Wien, 05.06.2007.

Ein Titel, der das Auge irritiert und die Zunge verstört. Alain Platel hat ihm die Vokale entfernt und eine Konsonantenreihe stehen lassen, ihm die Verbindungen abgeschnitten, die es braucht, um das Wort mit Sinn und Klang zu versehen. Rund um die Einsamkeit und die Isolation in sich selbst und ums Streben nach Verbindung zum Anderen und Gemeinsamen mit elf Tänzern hat Alain Platel seines Les Ballets C. de la B. das 2006 uraufgeführte Stück VSPRS entwickelt. Ein genreübergreifendes Projekt nennt der Choreograf seine auf Claudio Monteverdis Vespro della Beata Vergine basierende Arbeit, die sich mit den Bewegungswelten von psychisch kranken, in ihrem eigenen Sein eingeschlossenen Menschen auseinandersetzt. Bilder aus Arthur van Gehuchtens Filmen aus dem frühen 20. Jahrhunderts über psychiatrische Patienten und deren Ausdruck ihrer Religiosität lieferten einen Anstoß in der Bewegungsarbeit für seine außergewöhnlichen Tänzer und Akrobaten, die sich auf kaum zugängliche Innenwelten eingelassen haben, über die die Bewegung manchmal nur vage und kryptisch, dann wieder expressiv und verzweifelt ihren Aufschluss gibt. So wie er Tänzer der verschiedensten geografischen wie künstlerischen Hintergründe für seine Choreografie zusammenführte, so überließ Platel mit Fabrizio Casoll, Tcha Limberger und Wim Becu auch Monteverdis reine, himmlische Klänge einem Jazz-, einem Zigeunermusik- und einem Barockspezialisten, um sie einer neuen, zeitgenössischen Lektüre zu unterziehen. Das Ergebnis ist ein bewegendes und nahtlos ineineinander verwachsenes Musik- und Tanzgeflecht, das Tänzer und Musiker auf der Bühne vereint und interagieren lässt. Eine Berg- und Höhlenlandschaft aus kurzen, weißen Stofflaken - abweisend schroff und Schutz- und Halt spendend zugleich - schafft den Hintergrund für die Ausflüchte in die Höhen und Erkundungen der Tiefen, die Platels Trancegestalten im Alleingang oder selten auch gemeinsam unternehmen. Meist jedoch versuchen sie, den Boden unter ihren Körpern für sich zu erkunden und zu erobern, um letztendlich geschüttelt und überwältigt von ihren inneren Kräften sich selbst überlassen zu bleiben.

Karin Schiefer

Online am: 12.06.2007, © www.tanz.at