Balanceakt mit Shakespeare |
Der Kreislauf politischer Machtkämpfe in der Zirkusmanege - eine einfache Metapher.
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Circus Istorija - Zirkus der Geschichte, Wiener Festwochen, Halle G, 21.05.2007. |
Die Bühne ist weiß ausgeschlagen, im Hintergrund hängt drohend ein übergroßer weißer Militärmantel. Er bildet das Tor aus dem die Artisten und Artistinnen auftreten. Laut dröhnt die Zirkusmusik, mal als Marsch, dann wieder als Wiener Walzer und auch als Tango. Radkünstler und Jongleure, eine schwebende Jungfrau und der Weißclown treten auf und mitten drin drei als Greisinnen geschminkte kleine Ballerinen in weißen Tütüs. Später werden sie vom Dompteur mit Peitschenknallen aufgefordert, durch den Reifen zu springen. Dürre Sklavinnen der Mächtigen. Die serbische Regisseurin Sonja Vukcevic, sie ist auch für Bühne, Licht und Kostüme verantwortlich, hat den bereits zum Klassiker avancierten Shakespeareinterpreten Jan Kott gelesen und interpretiert die Geschichte, die große der Welt und die kleine ihrer Heimat, wie dieser es aus den Königsdramen gelesen hat: als magischen Kreis von Tyrannei, Aufstand und wieder Tyrannei. Der Thronanwärter entmachtet den Vater und beginnt bald mit den gleichen Schurkereien wie dieser. Manche gestalten die Geschichte, andere meinen nur, sie zu gestalten und andere tun gar nichts, und doch sind alle Opfer im Großen Mechanismus der Geschichte (Kott). Während also die Akrobaten und Akrobatinnen ihre Kunststücke vorführen, rezitieren sie Passagen aus Shakespeareschen Dramen. König Lear darf reden und Richard III., Macbeth natürlich und auch Hamlet. Anstrengend ist das für die Zuschauerin, denn die Truppe spricht Serbisch, die Übersetzung erscheint auf der Lesetafel. Wohin soll man schauen? Auf die schreienden, kreischenden und turnenden AkrobatInnen in der Manege oder auf den Text? Die Konzentration schwindet, die drei Ballerinchen mit ihren raurigen Gesichtern und scheinbar ausgemergelten Körpern machen bang. Sie dürfen nicht lächeln, nicht strahlen und auch die Artisten in ihren weißen Hosen und Reifröcken wollen dem Publikum nicht gefallen. Sie verkörpern die böse Gewalt. Schnell hat man verstanden worum es geht. Das zu Beginn in einer Videoeinspielung auf die Welt kommende Baby kriecht am Ende zurück in den Mutterleib. Auf riesigen weißen Bällen bildet sich eine Blutspur. Das letzte Zitat kommt nicht überraschend: Der Rest ist Schweigen. Ein wenig platt ist diese Zirkusstunde mit Shakespeare, in seiner überholten Ästhetik und Metaphorik. Auch wenn es durchaus aufregende und erkenntnisreiche Momente zu sehen gibt und die Kunststücke in der Manege nett anzusehen sind, kann dieses mit Pathos reichlich versehene Spiel nicht wirklich begeistern. Dieser historische Zirkus eignet sich eher als abwechslungsreiche Aufführung für junge Menschen, um über Shakespeare, Kott, die Bosheit der Welt und den Lauf der Geschichte zu diskutieren. (Die Möglichkeit dazu gaben die Wiener Festwochen nach der Vorstellung am 23. Mai.) |
Ditta Rudle |
Online am: 28.05.2007, © www.tanz.at |