Die Perfektion war zu erahnen

„Manon“ mit den Berliner Gästen Vladimir Malakhov und Nadja Saidakova als Liebespaar Des Grieux / Manon konnte nicht so recht erfreuen. Schuld war ein verletztes Knie.

Manon, Wiener Staatsoper, 18.05.2007.

Angesagte Galaabende finden, scheint es, ebenso wenig statt wie angesagte Revolutionen. „Manon“ mit den Berliner Gästen Vladimir Malakhov und Nadja Saidakova als Liebespaar Des Grieux / Manon konnte nicht so recht erfreuen. Schuld war ein verletztes Knie. Deutlich waren Malakhov Schmerzen und Erschöpfung ins Gesicht geschrieben. Was an Spannung, Ausdauer und Sicherheit fehlte, versuchte Malakhov durch intensive Darstellung wett zu machen. Die romantische Rolle des schwärmerischen Studenten ist ihm auf den Leib geschrieben. Zaghaft und schüchtern nähert sich der Träumer der schönen Manon, ist später seliger, ausgelassener Liebhaber und verzweifelter Verlassener. In den innigen Umarmungen ist zu ahnen welch perfektes Paar Malakhov und Saidakova (1. Solotänzerin an der Berliner Staatsoper Unter den Linden) sein können. Die fragile Tänzerin ist als Manon anfangs unbekümmert und naiv, ein junges Ding, das sich nimmt, was es bekommen kann. Sei es die Tasche des reichen Alten G. M. (Wolfgang Grascher), die Liebe des verträumten Studenten oder später Pelze und Schmuck. Wie diffizil die Choreografie MacMillans ist, zeigt sie im Pas de trois (2. Akt) mit G. M. und Lescaut, den Eno Peci mit ernsthafter Präzision und ruhiger Energie darstellt. Auch im 2. Akt, der von Tänzern des Lescaut in der Variation als Betrunkener oft zu derber Burleske genutzt wird, verzichtet Peci darauf, dem Publikum mit plumper Komödie gefällig zu sein. Er ist weniger berauschter Tölpel als einer, der aus Unglück und Verzweiflung trinkt. So kann Peci sein technisches Können zeigen und durch Perfektion Leichtigkeit imponieren. Ketevan Papava als Lescauts Geliebte ist ihm eine ebenbürtige Partnerin (beide tanzen übrigens die Rolle zu ersten mal), die es verstehet ihrer eher undankbaren Rolle Leben einzuhauchen und für die Solis den reichlich gespendeten Applaus verdient. Diesen erntete natürlich auch Daniil Simkin für seine hohen Sprünge als Bettlerkönig und schließlich auch das Paar aus Berlin. So schnell lässt das Ballettpublikum seine Lieblinge nicht fallen, auch wenn sie einmal nicht auf der Höhe ihrer Kunst sein können.
Nicht nur die Besetzung dieser letzten Manon-Vorstellung der Saison, auch Dirigent Vello Pähn mit dem Staatsopernorchester machen bewusst, dass MacMillans Choreografie durchaus zu Recht im Repertoire bleibt. Allerdings würden der Lebensgeschichte von Manon, die sich zwischen Liebe und Luxus nicht entscheiden kann, ein helles, luftiges Bühnenbild und weniger schwere Kostüme, die sich ob ihres Gewichts immer wieder verheddern, mehr Glanz verleihen und den Charme der Atmosphäre vergangener Zeiten besser zur Geltung bringen. In der düsteren Ausstattung Peter Farmers ersticken die Intentionen MacMillans, der sich ganz auf die Lyrik feinst ziselierter seelischer Zustände konzentriert. Vor den schwarzen Wänden in Des Grieuxs viel zu großem Zimmer in Paris etwa, verliert sich jegliches Gefühl. Kräftiger Applaus und lautstarke Ovationen für die Gäste und Ensemblemitglieder zeigen jedoch, dass das Publikum diese „Manon“ nimmt wie sie ist.

Ditta Rudle

Online am: 28.05.2007, © www.tanz.at