Klare Linien

Henri Oguike zeigt ein Solo und in drei kurzen Stücken die vielen Gesichter seiner exzellenten Compagnie

Henry Oguike Dance Company, Festspielhaus St. Pölten, 12.05.2007.

Die Linie zieht sich als roter Faden durch Henri Oguikes vier Miniaturen. Frontline, eine Replik zwischen Licht und Schatten auf Schostakowitschs Streichquartett Nr. 9 macht den Anfang dieses kurzen, aber exquisiten Programms. Tanz als Ergebnis der Begegnung zwischen Musik und der Ausdruckskraft der Körper ist das künstlerische Credo des britisch-nigerianischen Tänzers, der sich seit der Gründung seiner eigenen Henri Oguike Dance Company 1999 mehr und mehr der Choreografie verschrieben hat. Oguike versucht der Essenz dieser beiden Kräfte auf den Grund zu gehen, danach zu forschen, welche Fragen sie letztendlich aufwerfen, wie sie aufeinander einwirken und selbst verschiedensten Einflüssen unterliegen. Nicht ästhetische Bewegung zum Rhythmus der Musik zu erfinden, sondern, das, was die Musik in sich trägt, in ihre physische Entsprechung zu transponieren, ist die Herausforderung, der er sich in seiner choreografischen Arbeit stellen möchte. TänzerInnen in Schwarz und Weiß, synchron nebeneinander, als wären sie mit einem unsichtbaren Seil zu einer einzigen Linie miteinander verbunden, wiegen und ziehen, geraten abrupt in eckigen, kantigen Bewegungen aneinander. Scheinbar mühelos im Bewegungsfluss getragen, halten sie plötzlich inne und verharren wie Standbilder, um dann wieder sich in so atemberaubendem Tempo zu drehen, dass die Trägheit des freien Auges kaum mehr mitzuhalten vermag. Eine Leichtigkeit der Körper, die mit ihren Rücken und Armen raumgreifende Linien von schlichter Eleganz zeichnen, die aber durch lautes und schweres Aufstampfen auch wieder einen Kontrast liefern. Gegen Ende erreicht das Stampfen der Tänzer eine Intensität und Heftigkeit, die scheinbar gegen die Musik anwächst und für einen Moment beinahe zwei rhythmische Schichten miteinander im Raum stehen lässt.
Seine bereits in Frontline angerissenen Experimente im Clair-obscur reizt Oguike in seinem Solo Expression Lines bis an die Grenze aus. Nur zwei schwache, gedämpfte Lichtkegel spenden die nötige Helligkeit, um Oguikes Bewegungsfragmenten zu Ali Farka Tourés Musik zu folgen, die oft nur die Silhouette des Körpers als feine Linien in der Dunkelheit andeutet und seine eigene Tanzarbeit in einen interessanten experimentellen Kontext stellt. Umso mehr lässt er in Tiger Dancing den TänzerInnen seiner Compagnie all ihre Geschmeidigkeit und Dynamik zur Geltung bringen und setzt mit drei Taiko-Trommlern auf der Bühne ein spektakuläres Finale in Second Signal.
In London hat Time Out bereits 2001, nur zwei Jahre nach der Gründung, der Truppe bereits das Prädikat der Most Outstandig New Company verliehen, in Österreich war Henri Oguike zum ersten Mal zu sehen und hat Lust auf mehr gemacht.

Karin Schiefer

Online am: 16.05.2007, © www.tanz.at