Die vielgestaltige Tanzlandschaft Deutschlands |
Susanne Linke, Katja Wünsche, Marian Walter, Terence Kohler und Uschi Ziegler erhielten Preise bei der Gala zur Verleihung des Deutschen Tanzpreis 2007 in Essen |
Gala Deutscher Tanzpreis, aalto theater essen, 28.04.1007. |
Seit 1983 wird alljährlich der Deutsche Tanzpreis verliehen, zum 3.Mal auch der Zukunftspreis, um außerordentliche Leistungen des Tanznachwuchses zu würdigen. Dieses Jahr erhielt Susanne Linke den renommierten Preis; die Vielseitige ist tätig als Tänzerin, Direktorin, Pädagogin, Choreographin und Vortragende sowie als tanzkulturelle Botschafterin der Stadt Essen, hält sie der Kulturhauptstadt 2010 doch seit 40 Jahren die Treue. Der Zukunftspreis 2007 ergeht an Katja Wünsche, Marian Walter und Terence Kohler. Die Preisträger präsentierten sich mit feinen Kostproben dem begeisterten Publikum, in dem sich so honorige Gäste wie u.a. John Neumeier, Birgit Keil, Vladimir Klos, Reid Anderson, José de Udaeta, Horst Koegler, Ben van Cauwenbergh (designierter Ballettchef von Essen) und Martin Puttke (derzeitiger Ballettchef) befanden. Die Begrüßung erfolgte durch Ulrich Roehm und Wolfgang Reiniger, den Oberbürgermeister der Stadt; die Laudatio für die 3 Zukunftspreisträger hielt Iris-Jana Magdowski. Lutz Förster sprach in launigen, sehr persönlich gehaltenen Worten für Susanne Linke. Ein Anerkennungspreis für jahrzehntelanges unermüdliches Wirken für den Tanznachwuchs wurde Uschi Ziegler überreicht. Katja Wünsche hatte vor einer Woche noch in Stuttgart als Zigeunerin beim Bühnenfest zu Marcia Haydées 70. Geburtstag mitgewirkt; diesmal tanzte sie im Pas de deux aus Romeo und Julia eine persönlichkeitsstarke Julia. Jason Reilly demonstrierte einfühlsam innige Liebe und machte vergessen, dass die Balkonszene ohne Balkon stattfand. Im Solo Äffi, das Choreograph Marco Goecke ursprünglich für Marijn Rademaker geschaffen hatte, bewies Frau Wünsche in der Version für eine Tänzerin ein weiteres Mal ihre tänzerischen Stärken: in herb-strenger Kühle reüssiert sie hier in diesem maskulin-sportiven Stück. Marian Walter tanzte zunächst den Grand Pas de deux aus La Esmeralda. Dem sympathischen Tänzer, kurz zuvor noch an einer Verletzung laborierend, glückte wohl deshalb nicht alles so perfekt, aber gerade diese charmante Menschlichkeit ließ ihm die Herzen der Zuschauer zufliegen. Seine Partnerin, die zierliche Ukrainerin Iana Salenko, seit kurzem mit Walter verheiratet (die beiden hatten sich in Wien beim ÖTR-Contest kennen- und lieben gelernt) entzückte über alle Maßen und riss das Publikum zu Beifallsstürmen hin. Das Solo Lacrimosa hingegen gelang perfekt; Marian Walter beeindruckte mit makellos modelliertem Athletenkörper und den technischen Finessen dieser Variation (Choreographie: Guala Pandi). Terence Kohler konnte sich in seiner Jugend zwischen Ballett und Musik nicht entscheiden; mittlerweile 23jährig, verbindet er beides in genialer Weise als Choreograph (so erregte er großes mediales Interesse im Vorjahr mit seinem Anna Karenina-Ballett als seinem ersten abendfüllenden Stück nach einer Literaturvorlage). Gleichzeitig ist der gebürtige Australier aber auch als Tänzer aktiv - beides im Ballett des Badischen Staatstheaters Karlsruhe. Aus seiner Ausbildungszeit an der Tanzakademie Mannheim stammte sein Intermezzo for 20, das inzwischen von der Compagnie ins Repertoire übernommen wurde. Mit dieser Kreation würdigt der Choreograph mit ironischem Augenzwinkern das klassische Ballett, gleichwie mit einem offenen, originellen Blick für eine tänzerische und stilistische Weiterentwicklung. Das Stück zeugt von ungeheurer Musikalität und erkennbarer spezifischer persönlicher Note in der feinen Ästhetik der Schrittfolgen - die junge, homogene und sehr spritzig-eloquent tanzende Truppe aus Karlsruhe machte dieses Werk zu einem erlesenen Genuss. Nach der Pause lag dann der Fokus bei den Werken von Susanne Linke. Die Choreographin, die aus der Generation Tanztheater stammt, aber immer ihre Eigenständigkeit behauptete, wurde in 3 Werken präsentiert. In Extreme Beauty zu spröder Musikkulisse finden sich 5 Frauen (Roxane d´Orleans Juste, Kristen Foote, Ryoko Kudo, Brenna Monroe-Cook und Kathryn Alter) von der Limón Dance Company im Miteinander-Gegeneinander und Füreinander. In fordernder Weiblichkeit füllen sie mit Schreiten, statischem Verharren bis zur erneuten Bewegungsfortsetzung den leeren Bühnenraum. Das Solo Wandlung, getanzt von Roxane d´Orleans Juste, bringt ein Hineingleiten in die einzelnen Bewegungen mit crescendoartiger Steigerung, jedoch nie die Bodenhaftung verlierend. Den Abschluss bildete Fragmente - Skizzen, das im Vorjahr mit Absolventen der Folkwangschule erarbeitet wurde: Bestimmendes, gerichtetes Fortbewegen in wechselnden Gruppierungen und Formationen inklusive hörbar einbezogener Atmung. Diese Gala war in ihrer Vielgestaltigkeit ein deutliches Lebenszeichen der Sparte Tanz. Am darauf folgenden Tag wurde im Symposium Politik für den Tanz die aktuelle Situation des Tanzes in Deutschland in einer Podiumsdiskussion mit Vertretern aus Tanz und Politik vor zahlreichen interessierten Zuhörern aus der breit gefächerten Tanzszene beleuchtet. Dortiges Schlusscredo: Tanz gehört nicht nur gesehen, sondern auch gehört!
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Ira Werbowsky |
Online am: 11.05.2007, © www.tanz.at |