Ein Familienfest der Extraklasse

„Romeo und Julia“ als Galavorstellung zum 70.Geburtstag von Márcia Haydée in Stuttgart

Romeo und Julia, Staatstheater Stuttgart, 21.04.2007.

Márcia Haydée, die unter John Cranko als seine Muse maßgeblich am Stuttgarter Ballettwunder beteiligte Ausnahme-Ballerina, ist seit Jahrzehnten mit dieser ihrer Compagnie innig verbunden: als Tänzerin, Ballettdirektorin und Choreographin. 1996 beendete das Energiebündel aus Brasilien, das im Schwabenland so heimisch wurde, ihre Tänzerkarriere und Direktionszeit, um bereits 2 Jahre später als Gast wieder zu kehren und seither beinahe ständig präsent zu sein, u.a. als Madge in „La Sylphide“ oder als Mutter in „I Fratelli“; diesmal als Lady Capulet. Die ausdruckstarke Tänzerin mutierte zur Tanzschauspielerin und ist ausdruckstärker denn je - mit ungebrochener Bühnenpräsenz und in einer ergreifenden, hochdramatischen Szene ist sie über Tybalts Tod zutiefst erschüttert.
Doch was kann man einer so verdienten Persönlichkeit zum Geburtstag schenken? Die Idee mit einer Galaaufführung von Romeo und Julia war genial. Mit dieser Produktion begann vor 45 Jahren die Erfolgsserie von John Cranko und Márcia Haydée, und so ist es wohl nahe liegend, dieses Werk zu diesem ganz besonderen Anlass aufzuführen. Rund um die Jubilarin formierte Ballettintendant Reid Anderson alle (einstigen) Größen der Stuttgarter Compagnie. Vor Beginn der Vorstellung trat er daher vor den Vorhang, erläuterte mit launigen Worten die Vorbereitungen zu diesem Geburtstagsfest und stellte jeden einzelnen Interpreten vor. Und so gab es ein Wiedersehen mit Generationen von Ballettlieblingen aus dem Stuttgarter Ensemble, die es sich alle nicht nehmen ließen, für Márcia Haydée aufzutreten, entsprechend gewürdigt von einem enthusiastischen Publikum.
Durch den kurzfristigen verletzungsbedingten Ausfall von Vladimir Malakhov kam es zu einem kompletten Wechsel des Protagonisten-Paares: statt Lucia Lacarra verkörperte nun Sue Jin Kang die Julia. Die erst kürzlich zur Kammertänzerin ernannte Ballerina feiert in dieser Saison ihr 20 jähriges Bühnenjubiläum und ist die schlüssigste Stuttgarter Cranko-Ballerina in der Fortsetzung der tänzerischen und darstellerischen Linie von Frau Haydée. Frau Kang überzeugte als junge, unbefangene Julia, die ihre erste große Liebe erlebt und dafür sogar in den Tod geht. Ihr zur Seite gleich 3 Romeos, die jeweils aktweise zum Einsatz kamen. Jason Reilly reüssierte als viriler, unbekümmerter Romeo (1.Akt), der im wahrsten Sinne des Wortes in Liebe auf den ersten Blick entbrennt. Diese flammende Leidenschaft setzt der stürmische Filip Barankiewicz fort (2.Akt); den zärtlich-liebevollen Abschied in den Tod vollzieht Friedemann Vogel (3.Akt).
Die Partie des Mercutio teilten sich Alexander Zaitsev (1.Akt) und Krysztof Nowogrodzki (2.Akt). Ersterer firmiert spitzbübisch-keck, letzterer stürzt sich in seiner ehemaligen Paraderolle - mittlerweile ist er als Produktionsleiter und Ballettmeister tätig - draufgängerisch ins Duell mit Tybalt. Eric Gauthier ist als Benvolio der überzeugende Dritte in diesem Jungmänner-Freundschaftsbund. Der cross-over Künstler, der sich auch als Rockmusiker einen Namen machte, beendet eben seine Tänzerkarriere zugunsten der Musik. Selbstverständlich ist auch Edgon Madsen (neben Richard Cragun der wichtigste Stuttgarter Tanzpartner von Márcia Haydée) als aristokratischer Lord Capulet Teil dieser hochkarätigen Besetzung. Paul Chalmer - der Ballettchef und Nachfolger von Uwe Scholz in Leipzig - gibt einen sehr gut aussehenden noblen Graf Paris. Starchoreograph John Neumeier mimt barfüßig den ehrfürchtigen philosophischen Pater Lorenzo.
Auch einige extra für dieses außergewöhnliche Ereignis erarbeitete Debuts gab es an diesem Abend zu bewundern. Tamas Detrich (er arbeitet seit der Beendigung seiner Tänzerlaufbahn als Ballettmeister in Stuttgart) debütiert als stolzer, die Familien Ehre verteidigender Tybalt. Alicia Amatriain ist zum ersten Mal die von Romeo zuerst angebetete Rosalinde. Georgette Tsingurides, die als Choreologin die Cranko-Choreographien weltweit einstudiert, studierte sich selbst erstmals die liebevoll-fürsorgliche Amme ein (dabei steuert die Dame bereits dem 80er zu!). Marijn Rademaker gibt sein Debut im Faschingstanz. In diesem Geburtstagspaket durften auch Rolando D´Alesio (Lord Montague), Marion Jäger (Lady Montague), Marcis Lesins (Herzog von Verona) und Christian Spuck (Diener des Herzogs) nicht fehlen. Als die 3 temperamentvollen Zigeunerinnen gefallen Elisa Carrillo Cabrera, Katja Wünsche und Oihane Herrero. Das Corps de ballet tanzt mit viel Begeisterung und Esprit. Auch das Orchester unter James Tuggle trägt seinen Anteil zum Gelingen der Aufführung bei, um den einmaligen Gesamteindruck dieses Abends zu vervollkommnen.
Dem Wunsch des Geburtstagskindes entsprechend wurde diese Gala als Benefiz-Veranstaltung ihrem langjährigen (Bühnen)Partner Richard Cragun gewidmet, der (von schwerer Krankheit gezeichnet) in dieser Spezial-Vorstellung im Publikum saß und von den Zuschauern - darunter auch viele ehemalige Tänzer-Kollegen - mit viel Beifall geehrt wurde wie auch die Darsteller/innen auf der Bühne mit Auftrittsapplaus bedacht wurden.
Sogar die Pausengestaltung war Teil des Festes: so lud der Sponsor Landesbank Baden-Württemberg in der 1.Pause im Foyer im 1.Rang zu einem Glas Prosecco ein, damit alle auf den Geburtstag anstoßen konnten. An den Tischen, an denen die Stars wie üblich in Kostüm und Maske in den Pausen Autograme gaben, drängten sich die Massen, um eine Unterschrift oder nur einen Blick u.a. auf Márcia Haydée, Richard Cragun, Tamas Detrich oder Krysztof Nowogrodzki, zu erhaschen.
Nach der Vorstellung gab es fast halbstündigen heftigen Applaus, Standing Ovations und einen Regen aus roten Blumensträußen, dazu wurde auf der Bühne ein riesiges Geburtstagswunsch-Transparent entrollt. Jeder einzelne Beteiligte an diesem exzeptionellen Tanz-Ereignis inklusive Richard Cragun gratulierte mit einem Blümchen und das Publikum sang ein Geburtstagsständchen für sie: Über Márcia Haydée selbst kann man fast nichts Neues mehr schreiben. Sie ist Ikone, Mythos, Legende, die Callas der Ballettwelt, „the people´s ballerina“ und die Mutter der Stuttgarter Truppe, um nur einige ihrer Beinamen aufzuzählen. Mit diesem Geburtstag avancierte sie mit ihrer Erlaubnis - offiziell von Reid Andersen dazu ernannt - zur Großmutter der Compagnie: mögen sie noch viele Enkel und Urenkel auf der Bühne erleben!
Ira Werbowsky

Ira Werbowsky

Online am: 30.04.2007, © www.tanz.at