Vom unwiderstehlichen Charme der Bourgeoisie

Das Milieu iher Herkunft erwecken bei der Schriftstellerin Christine Angot und bei der Choreografin Mathilde Monnier ambivalente Gefühle.

La place du singe, Tanzquartier Wien, 20.04.2007.

Die Frage nach dem Glück ist die einfachste und die komplizierteste zugleich. Christine Angot wirft sie mit ihrem ersten Satz in den Raum und lässt eine Unzahl möglicher Antworten folgen: für den einen ist es etwas Stilles, für den anderen das Unvorhergesehene, für die einen die Bewegung, für die anderen die Konstanz. Das Glück, oder vielmehr die Erziehung zum Glück, die soziale Herkunft, das Milieu, das einem das Verhältnis zum Glück vermittelt, bildeten den Ausgangspunkt dieser weiteren gemeinsamen Arbeit zwischen der französischen Schriftstellerin und Mathilde Monnier (nach Arrêtez, arrêtons, arrête, 1997). Das bürgerliche Milieu als Sockel der Gesellschaft ist in La place du singe Referenz- und Angriffspunkt einer sehr persönlichen, künstlerischen Begegnung zwischen den beiden Frauen. Für die eine, Mathilde Monnier, ist die Bourgeoisie das Milieu ihrer Herkunft, das sie ablehnt und dem sie durch ihr Künstlersein zu entkommen sucht, für die andere, Christine Angot, das Milieu des Vaters, das ihr Anerkennung verweigert und sie stets ausgeschlossen hat. Gemeinsam haben sie - jede in ihrer Sprache - einen Dialog entwickelt, der aus einer Innen- und einer Außensicht einerseits das Aufbegehren gegen und die Verachtung für ein Milieu zum Ausdruck bringt. Christine Angot hat das persönliche Erleben der Familiengeschichten beider Künstlerinnen in einen pointierten Text verfasst, dessen bitter-humorvoller Ton eine Nuance von Nachsicht spüren lässt. Mathilde Monnier hingegen zeigt sich mal selbstironisch mal mit der narzistisch-provokanten Energie einer Pubertierenden, hetzt wie ein gejagter Bandit in Verteidigungs- oder in Angriffspose durch den Raum, scheint dazwischen wie ein Roboter zu funktionieren oder reibt sich in Trotzallüren am Gegenüber. Die Bühnenbilder von Annie Tolleter sind in Bewegung, sie selbst formt und verformt im Laufe des Stücks Symbole traditioneller Werte - eine Trikolore, die sie entfaltet und wieder bis zur Unkenntlichkeit verbiegt und verwringt, und Tische, die sie in so großer Menge aneinander reiht, bis keine Bewegung, kein Vorwärtskommen mehr stattfinden kann. Christine Angot gehört auch das Schlusswort - „ich bin immer noch neidisch“, und es ist klar, dass der Wunsch aus dem Milieu auszubrechen ebenso vergeblich bleibt wie die Sehnsucht dazuzugehören.

Karin Schiefer

Online am: 23.04.2007, © www.tanz.at