Unter Strom |
Jochen Ulrich zeigt mit Lorenzaccio einprägsame Bilder eines brutalen Spiels um die Macht. |
Lorenzaccio, Linzer Landestheater, 11.04.2007. |
Das rechte Maß haben sie längst verloren, die Nobili in Florenz. Alessandro de Medici ist nur noch das Zerrbild seiner kunstsinnigen, edlen Vorfahren. Ein verkommener Tyrann, der sich brutal holt, wonach er begehrt, der mit der Welt spielt, als wäre sie eine Bocciakugel. Dennoch liebt und verehrt ihn sein Cousin Lorenzo, genannt Lorenzaccio, weiß, dass er sich von ihm lösen, ihn vernichten sollte, und kann sich doch nicht überwinden. Das Böse verführt durch funkelnden Glanz. Erst der brutale Mord an der schönen Luisa Strozzi, gibt Lorenzaccio die Kraft, den Tyrannen zu töten. Die Tyrannei lebt weiter. Alfred de Musset hat die auf Tatsachen beruhende Geschichte zu einem romantischen Drama verarbeitet. Obwohl 1834 erschienen, wurde es erst 1894 mit Sarah Bernhardt uraufgeführt. Als Ballett erlebte der Stoff nun am Linzer Landestheater eine weitere Uraufführung. Jochen Ulrich, seit dieser Saison, nach sechs Jahren am Tiroler Landestheater, Ballettchef in Linz, hat in Zusammenarbeit mit dem Geiger und Komponisten Alexander Balanescu (bei der Uraufführung spielte er auch die Solovioline inmitten des von Ingo Ingensand dirigierten Brucknerorchesters) einen eindrucksvollen Abend geschaffen, der vor allem durch die Verkörperung der männlichen Hauptrollen und die gefühlvolle Musik in Spannung versetzt. Balanescu arbeitet mit vollen Streicherklängen, die durch kräftige Rhythmisierung eine teils gespenstische, teils gewalttätige Atmosphäre erzeugen. Ganz in rumänischer Musiktradition mit minimalistischen Tendenzen wirken die Klänge allein als Droge, die in den ZuhörerInnen eine nahezu unerträgliche, niemals nachlassende Anspannung erzeugen. Dementsprechender Hochdruck herrscht auch auf der Bühne. Der Kampf um die Macht und ihr Missbrauch sind Geschichten von Männern. Und die sind auf der Bühne in vollem Einsatz. Ulrich entwirft mit eckigen, schwungvollen Bewegungen, weit ausholenden Sprüngen, hoch gerissenen und geworfenen Körpern, gewagten Balanceakten und verblüffender Akrobatik Szenen der Willkür, in denen für Zärtlichkeit und Ruhe kein Platz ist. Auch die Liebe äußert sich als Gewalt. In intensiven Pas de deux der Männer (vor allem der Antagonisten Alessandro, Martin Dvorák und Lorenzaccio, Martin Vrany) entwickelt Ulrich ein breites Panorama menschlicher Gefühle.
Das Ballett-Ensemble am Linzer Landestheater ist noch recht uneinheitlich, die Männer (zu nennen auch Daniel Morales Pérez oder Alfonso Hierro Delgado und Lionel Droguet) dominieren deutlich. Mag auch daran liegen, dass Ulrich, dem Stoff entsprechend, ein Männerdrama choreografiert hat. In diesem Spiel haben Frauen wenig zu sagen und können sich daher auch als Tänzerinnen nicht so wirklich entfalten.
Praktikabel und in seiner Kargheit nur scheinbar beruhigender Gegenpol zur hochgedrehten Stimmung dient das Bühnenbild von Bjanka Ursulov ganz dem Geschehen. Nur einige schwarze Bänke sind notwendig, um Mauer und Straße, Tisch und Bett, Wand und Zimmer, Intrige und Verrat sichtbar zu machen. Mit der Slowenin Ursulov arbeitet Ulrich seit vielen Jahren zusammen, was, wie auch die Freundschaft mit Balanescu, zur Einheitlichkeit des Abends beiträgt. Ulrich will auch die LinzerInnen für Tanz und Ballett begeistern - nach dem herzlichen Applaus, die frenetischen Jubelschreie der Freunde einmal abgezogen, ist ihm mit der doppelten Uraufführung der Anfang wohl gelungen. Nicht zuletzt durch die mitreißende Musik Balanescus, der auch einen Sänger in die Komposition integriert, der als schreitender Gast die Straßen von Florenz belebt. In der kommenden Spielsaison wird der Ballettdirektor drei Produktionen im großen Haus und eine in den Kammerspielen herausbringen. |
Ditta Rudle |
Online am: 14.04.2007, © www.tanz.at |