Die Puppen erwachen

Mit vier Gegenopern belebt das Kabinetttheater die so genannte Hölle unter dem Theater an der Wien.

Gute Götter - So ein Theater, Theater an der Wien, 20.03.2007.

Gäste, die im Theater an der Wien in der Pause rauchen wollen, müssen absteigen, in die Hölle. So heißt der große Pausenraum im Souterrain. „Als Hölle von größter Behaglichkeit“ empfand die Wiener allgemeine Zeitung den Platz, als dort unten ab 1905 das Programm von oben kabarettistisch konterkariert wurde. Während auf der Bühne „Die Lustige Witwe“ von Vilja, dem Waldmägdelein sang, berichteten die Spaßvögel in der Hölle von ihrer „zweiten Ehe“.
Nach dem Ersten Weltkrieg hat der Kabarettist Fritz Grünbaum die Hölle zwei Jahre lang geleitet. Dem bunten Treiben setzten die Nationalsozialisten ebenso wie dem gesamten Kabarett ein Ende. Intelligenter Witz war nicht mehr erwünscht. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Raum im Untergeschoss des Theaters vielfältig genutzt, unter anderem als Probenraum für das Staatsopernballett; erst in den 60er Jahren wurde ein Pausenraum daraus.
Jetzt aber, meinen Christoph Widauer und Julia Reichert, Chef und Chefin des Kabinetttheaters, ist es Zeit, dass auch in der Hölle wieder Theater gespielt wird. Gesagt, getan, am 23. März fand als Pendant zum oben gespielten „Orfeo“ von Claudio Monteverdi, dessen Uraufführung vor 400 Jahren als Geburtsstunde der Oper gilt, unten das Theater um Eurydike statt. In bewährter und bezaubernder Kabinetttheatermanier lassen Widauer / Reichert und ihr Team die Puppen tanzen. Ein Wolf bleckt die Zähne und lässt ein Auge rot erglühen während er im Takt heult (oder bellt), die Walküre geht mit „Hojotoho“ auf Männerfang und ein schläfriges Gespenst lässt sogar kleine Lampen unter dem Rock erglühen, um Orpheus herum zu kriegen.
Die Sache ist nämlich so: Bevor der Sänger des Orpheus sich auf der großen Bühne oben dem Applaus hingibt, will er noch ein wenig ruhen. Ausgerechnet den Keller des Hauses, wo nur noch staubige Kostüme, Perücken und zerbrochene Requisiten herumliegen, sucht er sich aus, um auf dem alten Sofa ein Nickerchen zu machen und sich schon einzusingen. Seine Klage um die verlorene Geliebte erwecken Holz und Stoff, Pappmachée und Plastik, kurz die gesamte tote Materie, zum Leben: Alle wollen sie Eurydike sein, um endlich wieder im Rampenlicht zu stehen. Ein sonderbarer Sängerwettbewerb verwirrt den Orpheus und reißt das Publikum zu Lachstürmen hin. Leider geht die Geschichte für den Tenor schlecht aus. Wenn die ehemaligen Stars nicht aus ihrem Depot kommen dürfen, dann muss Orpheus eben zu ihnen (hinunter) gezerrt werden. Dann verwandelt sich der real singende Orpheus (Ulfried Haselsteiner) blitzartig in eine Miniaturfigur, um der barbusigen Violetta unter den Rock zu kriechen, und schon ist es um ihn geschehen. Ein biedermeierliches Volkslied singend, versinkt der Arme in den Fluten des Styx. Wird zwar wieder ausgespuckt, doch dem Gestern kann er nicht mehr entfliehen. Die Rache der Verschmähten ist fürchterlich. Stück für Stück wird Orpheus demontiert, bis das Blut über den Vorhang rinnt.
Wenn das Kabinetttheater in die Hölle steigt, dann bedeutet das nicht nur größtes Amüsement, sondern auch Esprit und höchste Spielkunst. Intimes Theater, das sämtliche Mittel des Figurenspiels nützt und es nahtlos mit Gesang und Schauspiel verschmilzt. Für den Orpheus haben Widauer / Reichert sogar ein kleines Orchester engagiert: Georg Schulz, Akkordeon, Yvonne Weichsel, Flöte und Ruth Winkler, Cello, spielten die von Schulz arrangierte Musik, von Monteverdi eis Händel und darüber hinaus.
45 Minuten nur dauert der höllische Spaß und gleich denkt man an Tante Joleschs Rezept, immer zu wenig aufzutischen, dann haben die Gäste unstillbare Lust auf mehr.
Dieses Mehr soll es auch geben: In drei weiteren Produktionen will das Kabinetttheater in der nächsten Spielsaison auf das Programm des Theaters an der Wien reagieren Die Musik wird durch das Arrangement für ein kleines Ensemble gebrochen, das alle Abende begleitet. So entstehen vier Kabinettopern, unterhaltsam und kurzweilig für ungeübte Hörerinnen und Hörer, anspielungsreich und immer wieder überraschend für eingefleischte OpernliebhaberInnen. Die nächste Miniaturoper im höllischen Puppentheater wird sich dem „Bürger als Edelmann“ widmen. Musik, so steht's in der Vorschau, Haydn und Mozart: Da werden wohl auch für beschlagene Opernfans einige Überraschungen drinnen sein.

Ditta Rudle

Online am: 27.03.2007, © www.tanz.at