So tanzt die Liebe

Mit „Romeo und Julia“ zeigten die Ballets de Monte-Carlo in St. Pölten, dass das klassische Handlungsballett noch lange nicht tot ist.

Romeo und Julia, Festspielhaus St. Pölten, 17.03.2007.

Eine superbe Compagnie, die den neoklassischen Tanzstil in allen Körperfasern hat, eindrucksvolle ProtagonistInnen, eine stimmige Choreografie, die in einem ästhetisch abstrahierten Bühnenbild mit dezenter Lichtregie eine herzzerreißende Liebesgeschichte erzählt: Jean-Christoph Maillots „Romeo und Julia“, getanzt von Les Ballets de Monte-Carlo im Festspielhaus St. Pölten, gibt der Liebe eine neue Dimension und dem Tanz was des Tanzes ist. Dementsprechend anhaltend und lautstark bedankte sich das hingerissene Publikum.
Dass Maillots postklassisches Ballett, einfühlsam zur Musik Sergej Prokofjews in Szene gesetzt, bereits 1996 entstanden ist, merkt man ihm nicht an. In frischer Unmittelbarkeit spult sich die tragische Geschichte der verliebten Veroneser Teenager wie ein Film (in den Kampfszenen zwischen den Banden der Montagues und Capulets sogar in präziser Zeitlupe) vor den Augen des Publikums ab. Auch wenn sich Maillot an Shakespeare orientiert, erzählt er das Drama nicht genau und auch nicht im Detail. Im blendend weißen abstrakten Bühnenbild aus verschiebbaren Wänden des französischen bildenden Künstlers Ernest Pignon-Ernest deutet Maillot den Ablauf der Tragödie eher metaphorisch an. Er konzentriert sich ganz auf die Liebesgeschichte der beiden jungen Menschen, die beim Fest der Capulets, zu dem sich Romeo mit seinen Freunden schleicht, vom Blitz getroffen werden und dennoch nicht genau wissen, wie ihnen geschieht. Umarmen und küssen ist anfangs ein fröhliches, manchmal sogar kindisches, Spiel, das erst allmählich zum himmelhoch jauchzenden Glück wird. Bernice Coppieters und Francesco Nappa sind ein bezauberndes Paar, das in den Pas de deux ganz Seligkeit und innige Hingabe zeigt. Maillot lässt Julia die treibende Kraft sein, eigensinnig und bestimmt. Diese Frau, so jung sie ist, weiß, was sie will: Romeo. Halb zieht sie hin, halb sinkt er hin, ein Bub, der von der Liebe keine Ahnung hat und doch von ihr toll gemacht wird.
Dem bei Shakespeare und auch in den Choreografien eher unwichtigen Mönch Pater Lorenzo gibt Maillot einen neuen Stellenwert. Für ihn ist der fromme Mann eher eine Mephisto-Figur, der dem Schicksal ins Handwerk pfuscht und sich wenig darum schert, was er anrichtet mit seiner Intrige. Zu Erinnerung: Er ist es, der Julia das Schlafmittel gibt, das sie wie tot erscheinen lässt, damit sie den ungeliebten Paris nicht heiraten muss. Künstlerpech für den zwiespältigen Mönch, dass Romeo selbst dann der Getäuschte ist. Als Regens Ludi hält Lorenzo die Spielfäden in der Hand, steht als erste auf der Bühne und verlässt sie als letzter. Dass er selbst auch ein Zerrissener ist, zeigen seine beiden Adlaten, weiß gekleidete Männer, die immer wieder hilflos zu Boden fallen. Maillot lässt den Drahtzieher (von Gaétan Morlotti eindrucksvoll gespielt) als Ausdruckstänzer agieren, eckige Bewegungen, eingedrehte Füße, Expression pur. Seine Gegen- oder auch Mitspielerin ist Paola Cantalupo als Lady Capulet. Auch ihre Rolle ist näher dem Charaktertanz als dem klassischen Ballett. Cantalupo gehört ebenso wie Samantha Allen und die Ausnahmetänzerin Bernice Coppieters zum Stamm des Ensembles von Monte-Carlo, alle drei Solistinnen waren bereits vor zwei Jahren in Maillots „Cinderella“ im Festspielhaus St. Pölten zu bewundern.
Bei aller Tragik des Geschehens lässt Maillot auch dem Humor seinen Platz. Wenn Julia und die junge Amme (überaus bewegliche getanzt von Samantha Allen) ihr neckisches Spiel treiben oder die Jünglinge von Verona ihre Hände nicht von den weiblichen Rundungen lassen können, dann darf vergnügt geschmunzelt werden. Die Ensembleleistungen stehen denen der SolistInnen in nichts nach. Perfekte Harmonie in bewährter Präzision zeichnen die Kampf- und Ballszenen aus. Nicht verwunderlich, dass les Ballets de Monte-Carlo nicht nur zu Hause sondern in ganz Europa stets willkommene Gäste sind.
Ohne die Basis des klassischen Balletts vergangener Jahrhunderte zu verlieren, hat Maillot einen durchaus eigenen Stil entwickelt, in dem seine individuelle Tanzsprache eine ebenso elementare Rolle spielt wie sein intelligenter Zugang zu bewährten Stoffen. Mit feinem, psychologischem Gespür holt er die Figuren ins Heute ohne ihre Seele zu zerstören. In seinen Mitarbeitern (neben Pignon-Ernest vor allem der Lichtmagier Dominique Drillot und Jérôme Kaplan, der für die eher unauffälligen, weich fallenden Kostüme verantwortlich ist) hat Maillot ein Team gefunden, das seine Intentionen dieses Spiels zwischen Gewalt und Zärtlichkeit kongenial umsetzt.

Ditta Rudle

Online am: 19.03.2007, © www.tanz.at