Ga ga und goo goo

Choreograf Ben van Cauwenbergh kann vom üppigen Queen-Sound nicht genug bekommen und vergisst dabei auf den Tanz.

Tanzhommage an Queen, Volksoper Wien, 04.03.2007.

Zum guten Schluss ist die Welt wieder in Ordnung, die Toten schweben in weißen Hemden über irdischen Nebeln, zucken mit den Schultern, heben das rechte Bein, heben das linke Bein, trippeln hin, trippeln her, drehen sich im Kreis und heben die Fäuste: The Show Must Go On.
Um nicht zu platzen, klatscht die Begeisterung im Zuschauerraum sich zwar nicht direkt auf die Schenkel, aber lautstark im Takt und schaukelt quietschend im Rhythmus. Solch heftiger Enthusiasmus muss belohnt werden. Mit einer scheinbar spontanen Zugabe: We Are The Champions. Das reißt auch die letzten Queen-Resistenten von den Hockern. Freddy Mercury, die Galionsfigur, ist tot, doch Queen lebt. Lautstark. Feuerzeuge werden nicht entzündet.
Falsch geraten: Hier wird nicht von einem Rockkonzert in der Stadthalle berichtet, sondern von einem Tanzabend in der Wiener Volksoper. Tanz zur Musik von Queen, erdacht vom belgischen Choreografen Ben van Cauwenbergh, Ballettdirektor am Hessischen Staatstheater Wiesbaden. Dort hat er 2004 seine „Tanzhommage an Queen“ herausgebracht, die seither Alt und Jung in deutsche Stadttheater lockt.
Van Cauwenbergh selbst hat die Show mit dem Ballett der Wiener Staatsoper und Volksoper einstudiert und weder er noch Ballettdirektor Gyula Harangozó haben bedacht, dass das Zielpublikum für Originalsound und Nebelschwaden lieber in die Stadthalle pilgert als sich in die Polstersitze der Volksoper zu zwängen. Dimitrij Simkins intelligent und mit viel Witz geschnittene Videoprojektionen, die samt eingeblendeten Konzertmitschnitten von Mercury und Queen das Bühnenbild ersetzen, kämen am Vogelweidplatz weit besser zur Geltung und auch die von Thomas Märker und Manfred Straube erdachten Lichtspiele (besonders eindrucksvoll in „The Invisible Man“) entfalteten ihre Wirkung intensiver, an die immer wieder aufwallenden Nebel gar nicht zu denken. Auf Solistinnen und Solisten des Wiener Balletts müsste nicht verzichtet werden, sie könnten das Musical mit anspruchslosen Tanzeinlagen als Gaststars aufputzen. In der Volksoper sprangen Dagmar Kronberger, Karina Sarkissova, Gregor Hatala, András Lukács, Publikumsliebling Daniil Simkin und der elegante Mihail Sosnovshi tapfer zu Pathos und Ballade und durften nur in wenigen kurzen Passagen zeigen, was sie wirklich können. Ein wenig Erholung vom Einerlei des Revuegetänzels bieten die Pas de deux. Simkin / Lukács (Don't Try So Hard) und Hatala / Sosnovshi (Save Me und Who Wants to Live Forever) erinnern in den leisen Nummern zaghaft, dass auch eine Choreografie gezeigt wird und, klinisch sauber zwar, dass Frontman Mercury homosexuell war.
Unterbrochen wird der zähflüssige Brei auch durch pantomimische Satiren. Una Zubovi_ darf furios um ihre Freiheit tollen, Vladimir Snizek torkelt als dicke Dame über den Meeresstrand. Tiere treten keine auf, aber die Kinder der Ballettschule und die machen ihre Sache wirklich gut. Endlich stimmt das Rocken und Rollen, das Rucken und Zucken und auch auf der Bycicle Race sind die JungtänzerInnen hinreißend, hinreißend unterstützt auch durch das dynamische in Wien gedrehte Video Simkins. Rare Gelegenheit, sich zu erinnern, dass van Cauwenbergh nicht hauptberuflich Queen-Fan sondern Choreograf ist. Doch um Tanz geht e s hier nicht, er will, so entschuldigt er sich im Programmvorwort, lediglich „gut unterhalten“. Das hätten Queen & Mercury allein, dank EMI, und ohne all dem Trockeneisnebel und farbigen Lichtspiel, auch geschafft.

PS: Im ausgeräumten Zuschauerraum der Stadthalle dürfte das Publikum sogar selbst hopsen, tanzen, rocken und nicht nur zaghaft schunkeln wie in der Volksoper.

Ditta Rudle

Online am: 06.03.2007, © www.tanz.at