Wedeln im Jammertal

Philipp Gehmacher betrachtet seine Choreografie von außen und steht erstmals nicht selbst auf der Bühne. Schwung gibt er damit den PerformerInnen nicht.

like there's no tomorrow, Tanzquartier, 01.03.2007.

„Als gäbe es kein Morgen“ setzt Philipp Gehmacher als Titel vor seine jüngste Choreografie. Das ließe auf sorglos-lustvolles Bühnentreiben schließen, wär's nicht Gehmacher, der sich den Kopf über diese Möglichkeit zerbricht. Für ihn ist der Konjunktiv lediglich Anlass zu endlosem Trübsal in der Wiederholungsschleife.
Zwei Männer und eine Frau gehen über die Bühne, machen Zeichen mit den Armen. Anwinkeln, Heben, Ausstrecken. Nicht entschlüsselbare Signale. Anfangs üben Clara Comil, Rémy Héritier und David Subal isoliert und ganz für sich; später kommen sie einander näher, bilden für einige Augenblicke vierarmige Wesen oder stehen geometrisch geordnet als Eckpunkte des gleichschenkeligen Dreiecks im weiten Bühnenraum, wedeln hilflos mit den Armen, halten die Hände an die Stirn, bedecken die Augen, wechseln die Position und begeben sich immer wieder in eine Ecke, fallen ermüdet auf den Boden. Nach 20 Minuten ist das Repertoire ausgeschöpft wiederholt sich, bietet nichts Neues, keine Überraschung. Noch 50 Minuten.
Auf der Bühne stehen Lautsprecher, scheinbar wahllos verteilt, manche auch übereinander. Aus diesen tönen mitunter schwer verständliche Satzfetzen, die, kaum lesbar, auch hoch oben an die Wand geschrieben erscheinen. Es geht um Abschied und anderes Trauriges. Die wedelnden Arme könnten den einweisenden Lotsen auf einem Flughafen gehören. Doch im Gegensatz zu diesem herrscht im Bühnenareal der Halle G beklemmende Geräuschlosigkeit. Die Gesten, lautlos, die Schritte nicht zu hören, die Bewegungen akzentlos. Noch 30 Minuten. Nahezu absolute Stille. Lediglich die sporadischen Wortspenden (laut Programm wird unterschiedlichstes Sound- und Textmaterial zitiert) erinnern, dass wir nicht taub sind. Bisweilen scheinen die Figuren einander zu umarmen, fallen aber bald wieder zu Boden, kuscheln sich erschöpft in eine Ecke. Kommunikation ist nicht möglich, eine magere Erkenntnis. Noch 20 Minuten. Weder Gähn- noch Hustenkrämpfe bieten genügend Grund für ein Entkommen. Der Raum ist umgedreht, das Publikum sitzt quasi hinter der Bühne, müsste diese überqueren, um die rettenden Stufen zu erklimmen. Peinlich. Auch unhöflich. Wer wagt das schon!
Minimale Aktion gibt es dann doch noch. Die Lautsprecherboxen werden verschoben und von den Mitwirkenden neu getürmt. Die Kabelschnüre bilden ein Muster. Bedeutungsvoll oder bedeutungslos? Der Sinn erschließt sich mir nicht, doch die Geometrie ist hübsch. Und - ein Gedankenblitz - durch die Kabel fließt wenigstens etwas Energie, jene Energie, die diesen schlappen 75 Minuten gänzlich fehlt. Zwei junge Damen nutzen die Zeit zu intensiven Außenkontakten per sms, rund um mich schlummert mancher Herr. Das Ende der Übung naht.
In der Programmvorschau lese ich, dass „die Erforschung der Geste im Zentrum der Bewegungsrecherche“ steht. Was sonst? Körper auf der Bühne, menschliche Körper, bewegte Körper kommen um Gesten nicht herum. Das haben des Choreografen ältere KollegInnen schon vor 15 Jahren erkannt. Philipp Gehmacher, geboren 1975, ist in London ausgebildeter Performer, hat 1999 mit eigenen choreografischen Arbeiten begonnen und ist seit dem nicht nur gern gesehener Gast bei vielen Festivals sondern auch mit angesehenen Preisen ausgezeichnet. Bisher ist er als sein eigener Interpret aufgetreten, diesmal verzichtet er darauf, hat jedoch in Héritier einen vollkommenen Klon gefunden. Die gleichen hängenden Schultern, die gleichen kraftlosen Schritte. Unterstützt wird das substanzlose Gestikulieren durch die Kostümierung. Flor de Illusion Wolfgang Langeder hat formlose, schlotternde Hosen entworfen, die den Körper der Ausführenden bis zur Geschlechtslosigkeit verhüllen, ihm jegliche Lebendigkeit nehmen. Nur die Arme sind noch in Bewegung. Stumme Hilferufe von Ertrinkenden vielleicht. Wann kommt Rettung? Heute nicht mehr. Morgen? Morgen gibt es möglicherweise nicht.
Nach 75 Minuten geben die Figuren auf, verschwinden in der Finsternis. Der Applaus ist, sehen wir mal von der Familie und den Freunden ab, respektvoll gedämpft.
Ditta Rudle

Dieser Kostümbildner heißt lt. Programm wirklich so: Flor de Illusion Wolfgang Langeder

Ditta Rudle

Online am: 06.03.2007, © www.tanz.at