Fest verankert ist das Tanz-Festival für Kinder und Jugendliche trotz des von Kindermund sinnlos gereimten Titels szene bunte wähne, Die Auslastungszahlen beweisen es. Besonders gern angenommen werden jegliche Angebote an Verführung von jungen Müttern kleiner und kleinster Kinder. Pädagogische Bedenken hin, Sinnhaftigkeit her - Hauptsache die kleinen Krabblerinnen sind für eine halbe Stunde versorgt und die Mama kann sich im Dämmerlicht der Kuschelarena für 20 Minuten lockern. Sämtliches - erstmals durchgeführtes - Babytheater ist ein überflüssiger Marketinggag, hat mit Kunst oder Kultur oder Tanz oder Theater nichts zu tun und keinesfalls zu Nutz und Frommen der Babys. Hilfreiche Stichworte: Reizüberflutung, Globalisierung des Kinderzimmers, Unfreiwilligkeit, Dauerablenkung. Schwamm drüber. Wenn es die alten Frauen nicht störte, dass sie mit den Wickelkindern oder für diese auf dem Boden kriechen mussten, lassen wir den Unsinn gut sein. Er wird wieder stattfinden. Manche setzten eben lieber fünf Euro ein als die eigene Kreativität.
Aalst Falsch am Platz war auch die vom Tanzquartier beigesteuerte Aufführung des belgischen Dokutheaters Aalst. Trotz der Erschütterung mancher erwachsenen Zuschauerin und des einhelligen Staunens der europäischen Kritik, möchte ich die theatralische Wiedergabe einer Fernsehsendung, die wiederum die Gerichtsverhandlung in einem Fall von doppeltem Kindesmord zeigte, gerne Doku-Soap nennen. Wenn auch exzellent, verblüffend authentisch und sogar erschütternd gespielt, so bot das Stück doch keinerlei Erkenntnis, schon gar kein Katharsis durch Identifikation, diente allein dem voyeuristischen Aha-Empfinden: Solche Leute gibt und sie nennen sich Mensch!. Nein, ich habe Aalst trotz des vorauseilenden Rufes nicht mögen. Dass dieses für Erwachsenen, wegen der schier unfasslichen und doch immer wieder stattfindenden Realität, schwer verdauliche Theaterstück so einfach in ein Tanzfestival für Kinder (vor allem) und Jugendliche geschmuggelt werden konnte, ist umso ärgerlicher, weil es dadurch sein Zielpublikum nicht erreicht und unvorbereitete junge Menschen verwirrt und durch Abwehr auch gelangweilt. Also nicht gerade ein Gewinn für Tanz und Theater. Das Täfelchen mit der Einschränkung Ab 16 ist purer Zynismus bei einem Jugendfestival - ab 16 sind interessierte Jugendliche, was die darstellenden Künste betrifft, längst zu den Erwachsenen zu rechnen.
Panama Jetzt aber wird es schön, denn in der ersten Woche waren die üblichen Zauberer und Zauberinnen als Gäste da und verbreiteten Wohlbehagen und Sehnsucht, ließen die ZuschauerInnen, ob sie nun schon lesen und schreiben können oder gerade erst Bausteine aufeinander türmen, lachen und weinen, träumen und staunen. In den Probenräumen des Genter Hauses Kopergietery hat das Hans Hof Ensemble aus Amsterdam im Bilderbuch von Janosch geblättert und dann mit Musik und Liedern und skurrilen Requisiten erzählt, wie zwei junge Männer und ein sehr sonderbares Mädchen (nicht) nach Panama kommen. Eine ganze Stunde waren die Zwerge im Zuschauerraum mucksmäuschenstill und beantworteten ungefragt das Symposiumsthema Wie abstrakt kann Tanz für Kinder sein? mit Soviel wie notwendig ist. Panama hat keine wirkliche Geschichte, lediglich kleine Szenen und die sind oft, dank des sonderbaren Mädchens, reichlich surreal. Was das Team nicht hinderte ein strikte Dramaturgie einzuhalten, Ernst und Heiterkeit genau abzuwägen und so lagen zu probe, bis aus einer lustigen Performance für Kinder ein künstlerisches hochwertiger Abend entstanden ist.
Das Mädchen der Junge der Fluss Abstrakt, weil sehr abstrahiert in Bild und Bewegung, ist auch die Umsetzung des Bilderbuchs von Paul Verrept Das Mädchen der Junge der Fluss. Ein Märchen, das so Absurdes erzählt, wie die Verwandlung einer Frau in ein Kleid und eines Mannes in einen Hut, nachdem sie beide einen Fisch zum Nachtmahl verzehrt haben. Ihrer beider Kind hat mehr Glück - der Knabe schläft vielleicht hundert Jahr. Dann wird er wach geküsst, steigt mit seiner Liebsten in ein Boot und ward bald nicht mehr gesehen. Vielleicht hat er sich samt Liebster und Boot in einer Brausetablette aufgelöst. Wie auch immer, die Performance - eine Tänzerin (sie darf der Fisch auch sein), ein Musiker, die Bilder - ist eine Koproduktion des Muziektheater Transparent (Antwerpen) und TPO (Teatro di Piazza o d'Occasione, Prato), das im Vorjahr mit dem H@sslichen Entlein (getanzt auf einem hochtechnologischen Tanzteppich mit Drucksensoren, durch deren Betreten wundersame Bühnenbilder entstehen) begeistert hat. TPO hat mit animierten Bildern und dem live eingesetzten Computer als Steuergerät ein Multimediapaket erstellt, das dem Fernsehen durch Ruhe und Bedachtsamkeit und die Interaktion mit der Tänzerin Paroli bietet und gewinnt. Gemeinsam mit der Musik und der Stimme der Märchenerzählerin, einer Oma natürlich, entsteht ein entrückter Raum, in dem sich gut sein lässt und auch genügend Platz für eigene Träume und Wüsche ist.
3x4 - Die vier Jahreszeiten IOTA aus Antwerpen bot 3x4 - Die vier Jahreszeiten ebenfalls abstrakten Tanz, viel Tanz zur Musik von Antonio Vivaldi. Vor den den Augen und Ohren der erwünschten Vierjährigen hat das Experiment bestanden, sie schauten und lauschten aufmerksam und die Tanzenden (Mitsiko Shimura, Pierre-Yves De Jonge , Guillaume Trontin, die auch die Choreografie, eine richtige Choreografie, gemeinsam erdacht haben) waren klug genug, rechtzeitig die Reißleine zu ziehen und sich mitten ins Auditorium zu begeben, nicht nur für dieses sondern froh und munter auch mit diesem da zu sein.
Sehnsucht Um Authentizität und Identifikation geht es dem Tänzer und Choreografen Ives Thuwis immer wieder. Diesmal erarbeitete er mit Düsseldorfer Jugendlichen ihre (und seine) Einfälle zum Thema Sehnsucht. Weil es dieses Wort (und nach Meinung einiger Psychologen deshalb auch dieses Gefühl) im Flämischen (und vielen anderen Sprachen) gar nicht gibt, musste er kompensieren. So entstanden interessante Assoziationsketten. Wie Thuwis arbeitet auch die junge österreichische Choreografin Daniela Heissl mit Jugendlichen, die (noch) keine professionellen Tänzerinnen sind. Mit den getanzten Gedanken und Erlebnissen in der und um die U-Bahn Simmering - Ottakring hat sie sich wohl ein wenig zu viel vor genommen. Ganz gut ist erkennbar, was Heissl vorschwebte, auch was den jugendlichen Tanzenden dazu eingefallen ist, aber noch ergeben die im Stil eines längst verblichenen Fernsehballetts gehaltenen Szenchen noch kein Stück. Eher ein vergnüglicher Abend unter FreundInnen. Doch dieser ist durchaus entwicklungsfähig.
Die dritte Generation Die Gewinner des vorigjährigen (ersten) Choreografiewettbewerbes von szene bunte wähne, waren angehalten, ihre Skizzen zu einem ordentlichen Stück auszuarbeiten. Nicht abendfüllend unbedingt, denn welches Kind will schon einen ganzen Abend lang still sitzen?, aber abgerundet und durchdacht. Der Gewinner, Jianan Qu aus Shanghai, Absolvent des Institute of Dance Arts an der Linzer Anton-Bruckner-Universität, ist inzwischen als Tänzer nach St. Gallen engagiert und hat sein Kleinstkinderkonzept Eines Tages
dort mit Tina Beyerler er- und überarbeitet. Das hat der Idee nicht gar so gut getan, die Poesie durch Sprechtiraden abgewürgt und dem Tanz zu wenig Raum gelassen. Stellenweise aber springt der Zauber dann doch auf die Kindergartenkinder über, die nur allzu bereit sind, einen Pinguin im Glitzergewand als König zu verehren. Choreograf Jianan Qu ließ sein Ensemble (Sebastian Gebura, Sora Honda, Christian Ruepp) allein in Wien auftreten, weil der Tänzer Qu in der Schweiz geblieben ist. Das hat der gesamten Performance sichtlich nicht gut getan. Mit Trendsetter hat Florian Berger genau das erfüllt, was wir von seinem Coach Ives Thuwis (s. o.) gewohnt sind: Emotion, Identifikation, Authentizität. Berger hat seine Choreografie den männlichen Wachstumsschmerzen gewidmet, mit Kollegen aus dem Konservatorium Wien (Gordian Bogensberger, Patric Redl, Jason Ziegelmaier) erarbeitet und auf die Bühne gebracht. Dramaturgisch durchdacht, in individueller Körpersprache, und das Publikum unmittelbar ansprechend. Erwartungen erfüllt haben auch die beiden Schülerinnen Mira Kapfinger und Dorothea Zeyringer (Tanzkompanie l'eau) mit dem gemeinsam mit Aurelia Staub entwickelten 30 Minuten Stück Bausteine. Erinnerungstheater, das vor allem in den Bewegungspassagen erfreut und zufrieden stellt. Wenn die beiden sprechen, dann hapert es noch mit der Artikulation und wenn zum Tanz auch der Fernsehapparat eingeschaltet wird, zerreißt es mich zwischen Augen und Ohren. Soll ich schauen (wie getanzt wird) oder hören und schauen, was Opa vom Hühnerstall erzählt? Das sind Fehler der älteren Generation, die die (einstmals neuen) Medien einfach dazupappen, mal im Hintergrund irgendein Video abspulen, mal im Vordergrund einen Laserstrahl wandern lassen, Gegröle aus dem Radio addieren, flackernde Bilder aus dem Fernseher zur Untermalung brauch oder ein Stückerl Film auf die Tapete projizieren - Multimedia eben, wie sie allzu oft unreflektiert eingesetzt werden, weil sie zur Verfügung stehen oder weil die anderen doch auch
. Dieser Zwang zum medialen Overkill sollte längst passé sein, die neue Generation wird nicht in die alten Fallen tappen. Sie die vielen wunderbaren Medien beherrschen, gezielt und bewusst einsetzen und nicht eines gegen das andere aufhetzen, auf dass sie sich gegenseitig erschlagen. Schluss aber mit diesem Ausritt, Rückkehr in den Stall des abgelaufenen szene bunte wähne-Festivals, das vor allem durch die Teilnahme der jungen (von szene-Gründer Stephan Rabl die dritte genannte) Generation zur Hoffnung berechtigt, dass die heimische Tanzszene (nicht nur die für Kinder) weiterhin und aufs Neue blüht und gedeiht.
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