Zündende Begegnungen auf dem Nullpunkt |
Akram Khan und Sidi Larbi Cherkaoui testen das Gleichgewicht des Kräftespiels
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zero degrees, Tanzquartier Wien, 23.02.2007. |
Wenn sich zwei Zugpferde des zeitgenössischen Tanzes zusammentun, um gemeinsame Sache zu tanzen, dann sind die Erwartungen besonders hoch. Wie sich ein Zusammenschluss an Superlativen auf der Bühne entlädt, ob und wie die Kräfte dieses Potenzials miteinander, aufeinander oder gegeneinander wirken, ist eine Frage, die nicht nur die Neugier beim Publikum schürt. Akram Khan, der künstlerisch im indischen Kathak beheimatet Brite und Sidi Larbi Cherkaoui, Flame mit marokkanischen Vorfahren, haben die Frage nach ihren Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten zum Thema ihrer ersten gemeinsamen Arbeit gemacht, um über Identität, Grenzen und Übergänge, Bewegung und Bewegtheit zu reflektieren. Der Titel, zero degrees, Ausgangs- und Endpunkt eines Kräftespiels, das immer nur im Gleichgewicht funktionieren kann, stellt die Antwort bereits in den Raum. Es genügt, sich auf eine spannungsgeladene Reise durch zwei Dimensionen des Tanzes und eine faszinierende musikalische Landschaft einzulassen. Der Anfang ¬¬- ein gelungener Coup, denn er gehört nicht der Bewegung, sondern dem Wort. Als wären sie durch und durch eins sitzen beide Tänzer am vordersten Bühnenrand und erzählen, synchron in Gestik und Sprache, von einer Reise von Bangladesh nach Indien, einer chaotischen Passkontrolle mit fatalen Folgen für den Erzähler, der nicht nur durch den möglichen Verlust des Reisedokuments seine Identität in Gefahr sieht, sondern auch noch durch den Tod eines Mitreisenden in Schwierigkeiten gerät. Die frontal dargebrachte sprachliche Einklang der beiden Akteure geht über in ein Gegenüber, ein Pas de deux der Arme und Hände, die sich ineinander verwinden und verschlingen, dass oft kurz nicht mehr unterscheidbar ist, welche Hand wem gehört. Symmetrie und Harmonie zu Beginn, ein gegenseitiges Abtasten und Ausloten, das in Momente des Misstrauens und der kämpferischen Konfrontation führt, ehe jeder im Wechselspiel den Raum für sich alleine in Anspruch nimmt. Ernsthaft und energiegeladen Akram Khan, der wie ein Wirbelwind in kraftvollen und präzisen Spiralen den leeren Bühnenraum vereinnahmt, selbstironisch und blass Sidi Larbi Cherkaoui, der seinen hypermobilen Körper mühelos verwindend, in die verquersten Posen kollert oder für Bruchteile von Sekunden sich selbst auf den Kopf stellt. Beide fallen - der eine zu Beginn, der andere am Schluss - reglos zu Boden wie der Mitreisende im Zug nach Indien. Beide haben als einziges Bühnenutensil die gleiche, gesichtslose Puppe. Im Moment des Verlustes des anderen versucht jeder, mit dem leblosen Substitut in Dialog zu treten, trotz einiger Mühe und komischer Pointen, letztendlich vergeblich. Siebzig Minuten lang ist es zwei außergewöhnlichen Tänzerpersönlichkeiten gelungen, mit Ironie und eindrucksvoller Intensität, ihren künstlerischen Welten Raum zu geben und sie zueinander in ein Spannungsverhältnis zu setzen, wo für keinen Augenblick der eine ohne den anderen sein kann. |
Karin Schiefer |
Online am: 26.02.2007, © www.tanz.at |