Heimat ist (auch) ein Hund

„I’m not the Only One“ von Constanza Macras / Dorky Park widmet sich auf unterhaltsame Weise dem Thema Heimat und Fremde.

I’m not the Only One, Schauspielhaus Wien, 20.02.2007.

Wütend, komisch, traurig, witzig, verzweifelt, aggressiv und voller Hoffnungen – kein Ton auf der Gefühlsskala, der von den PerformerInnen nicht angeschlagen wird, wenn sie über Heimat und Fortgehen, Fremde und Ankommen nachdenken, erzählen, grübeln. „I’m not the Only One“ nennt Constanza Macras die biografische Recherche, im offenen Arbeitsprozess mit ihrem Ensemble Dorky Park entstanden. So viel ist den Mitwirkenden eingefallen, dass zwei Abende entstanden sind. Abwechslungsreich und amüsant, doch nicht wirklich zwingend im Doppelpack. Die Leerläufe und Wiederholungen abgezogen, bliebe eine dichte Vorstellung, ohne merkbare Verluste.
Macras und Dorky Park bedienen sich sämtlicher Mittel und Medien, um dem Begriff Heimat Bedeutung zu geben, ihn zu fassen und einzugrenzen. Es wird getanzt, tatsächlich richtig getanzt, und gesungen, geplaudert und geschrieen, geturnt und gekämpft, gewitzelt und geweint, mit Sesseln geworfen und unter dem Tisch gesessen und manchmal ist auf dem Video eine leere Straße zu sehen. Im ersten Teil sind außerdem die vier TänzerInnen in heimatlichen Gefilden zu sehen. Von diesen – Knut Berger aus Gelsenkirchen, Jared Gradinger aus New York, Jill Emerson aus Iowa und Kim Hyoung-Min aus Süd-Korea – erfährt man eine ganze Biografie samt Erwartungen und Enttäuschungen. Im zweiten Teil wird weniger gesprochen, mehr getanzt und auch, weniger lustvoll als aggressiv, mit Torten geworfen. Der Bezug zum Thema ist nicht immer herzustellen. Gar so wichtig ist das ohnehin nicht. Man genießt den bunten, manchmal recht bitteren Cocktail und hat am Ende gelernt, dass Heimat ein Kitschobjekt ist, vage, fiktiv, für jede und jeden etwas ganz anderes. Für die einen eben ein beinamputierter Hund, für die anderen der Geruch des Pferdestalls oder die selbstleuchtenden Turnschuhe.
Constanza Macras, selbst aus Argentinien stammend und seit einigen Jahren in Berlin lebend, lässt ihre DarstellerInnen nicht friedlich in der Integrationssuppe schwimmen und einander gar so lieb haben. Die Kulturen prallen ziemlich heftig aufeinander. Es wird geschimpft und gerauft, gestoßen und geboxt und laut gebrüllt, um sich selbst zu behaupten. Vordergründig wirkt das oft recht komisch, etwa beim Sängerwettstreit im Selbsterfahrungskreis, doch ist immer auch die Angst zu spüren, vor dem Verschwinden des Ich zum Beispiel. Grotesk und traurig sind die Versuche, sich zu integrieren, die alte Haut abzulegen und zugleich das Eigene, das zu Hause Erfahrene und Gelernte nicht zu verlieren und zu verleugnen. Dennoch drängt sich die Erkenntnis – Heimat, das ist Folklore, Heimweh, das ist Sentimentalität – immer deutlicher ins Bewusstsein.
Macras arbeitet mit acht Performerinnen (4 : 4), ausdrucksstarken, energiegeladenen Persönlichkeiten, die keine Scheu haben, sich selbst aus- und darzustellen. Übertreibungen und exhibitionistische Überdehnungen schleifen sich sicher im Laufe der Vorstellungen ab. Schließlich ist das Doppelstück eine Koproduktion zwischen Macras’ Ensemble und Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz mit Schauspielhaus Wien, Theater Chur, Fondazione Musica per Roma und Duo Dijon. Auftrittsmöglichkeiten also genug. Schon zwischen Berlin und Wien hat sich der erste Teil radikal verkürzt, zur deutlichen Verbesserung der Würze.
Zum Ensemble zählen nicht nur die multitalentierten PerformerInnen, sondern auch und nicht zuletzt Kristina Lösche-Löwensen, Almut Lustig und Claus Erbskorn, die als musikalisches Trio ein ganzes Orchester ersetzen und selbstbewusst für Stimmung (und deren Umschwünge) sorgen. Erwähnenswert ist auch Hyoung-Min, die als einzige Performerin in beiden Teilen auftritt. Ob sie quer über die Bühne saust oder den autistischen Jared reitet, asiatische Kampfkunst zeigt oder die Gesangsstunde überbrüllt – Hyoung-Mins Energiereserven sind unerschöpflich. Was keineswegs heißen soll, dass ihr die MitstreiterInnen in Bühnenpräsenz und Einsatzfreude nachstehen. Alles in allem ist Constanza Macras / Dorky Park mit „I’m not the Only One“ ein kunterbuntes, kurzweiliges und trotz aller Späßchen inhaltsreiches Stück gelungen, das nicht zuletzt vom persönlichen Einsatz der Mitwirkenden lebt.

Ditta Rudle

Online am: 22.02.2007, © www.tanz.at