Alle Hühner sind erwacht

„La Fille mal gardée“ hat mit der Alternativbesetzung an Schwung gewonnen

La Fille mal gardée, Staatsoper Wien, 12.02.2007.

Die Hoffnung (ausgesprochen in der Kritik vom 18. Jänner über die Premiere der Wiederaufnahme von „La Fille mal gardée“) hat sich erfüllt. Die Rollenpolitik beim Ballett der Wiener Staatsoper und Volksoper ist undurchschaubar. Immer öfter sollte man sich Premieren und Erstvorstellungen schenken, um die Alternativbesetzung mit Genuss zu beklatschen. Wobei das Aufwachen die Hühner und ihren Hahn (bewährt: Ian Whalen Lindeman) am wenigsten betrifft, die sind immer recht munter, wenn auch ein bissel schlampig.
Nicht wirklich überraschend, sondern wie erwartet erquickend, die Rollendebütanten: Mihail Sosnovschi, Denys Cherevychko und auch Thomas Mayerhof, der aus der eher unergiebigen Rolle des „wohlhabende Weinbauern“ und Vater Alains ein Maximum an Gefühl und Spielkunst herausholt. Wahre Freude bereitet Mihail Sosnovschi. Rührte er in der ersten Aufführungsserie als tollpatschiger Alain (ebenfalls debütierend), der die versprochene Braut verliert, ohne genau zu wissen warum, zu Tränen, so begeistert er als aufgeweckter Colas, der von seiner listigen Braut eingewickelt wird, vollends. Wenn der junge Moldawier, der auch am Konservatorium in Wien studiert hat, Lises Mutter mit einem Satz an die Brust springt, dann bin ich sicher: Er hat die Choreografie von Frederick Ashton verstanden. Beweglich und dynamisch zeigt Sosnovschi Charme und Spielfreude, setzt sicher seine lockeren Sprünge und zeigt sich in den lyrischen Partien auch als biegsamer und schöner Adagiotänzer. So ein fescher Charmeur animiert auch die Angebetete. Aliya Tanikpaeva ist eine schelmische Lise, die ihren Liebhaber ebenso am Bandel hat wie die Mutter. In den pantomimischen Szenen, etwa im berühmten Traum ihrer familiären Zukunft mit vielen kleinen Kinderlein, zeigt sie Spielfreude bis in die Zehenspitzen und jedes bebänderte Geschäker mit dem Partner gelingt exakt und taktgenau. Besonders gelungen, in Tanz und Spiel gleichermaßen, der Pas de troi im Kornfeld (Alain, Lise, Colas).
Als Alain macht Denys Cherevychko, der mit seinem bravourösen Gopak aus „Taras Bulba“ schon die Gala im Herbst kurzzeitig aus ihrer öden Tristesse riss, rührende Figur. Wie Pinocchio taumelte er durchs Geschehen, voll kindlich naiver Liebe und Liebessehnsucht. Da wird selbst dem reichen Weinbauern das Herz weich, sodass er vor Rührung Alains kleine Schnittlauchlocke liebevoll zwirbeln muss.
Erwacht ist auch Dirigent András Deri, so dass das Getändel und Gebändel im ländlichen Raum richtigen Schwung bekommt und sogar Mutter Grascher mit ihren (seinen) Holzschuhen taktvoll klappert.
Mit dem Ensemble halte ich mich ans herrlich tönende Gewitter am Ende des ersten Aktes: Es deckte die Blamage beim Bandltanz gnädig zu und so werden wir auch über die anderen Patzer, Schlampereien und Ungereimtheit kein Wort verlieren. Die persönlichen Rollenpremieren machten alles wett.
Nächste Vorstellung in der gleichen Besetzung am 18.2., 19 Uhr.

Ditta Rudle

Online am: 14.02.2007, © www.tanz.at