Das war ein kurzes, aber heftiges Strohfeuer, als bekannt wurde, dass zwei
SPD-Politiker die Fusionierung der Ballettkompanien von Essen und Dortmund andachten.
Auslöser war die Ankündigung von Ballettchef Martin Puttke vom
Aalto Ballett Theater Essen, dass er seinen Vertrag 2008 nicht verlängern
werde. Und schon oteten also einige Politiker Handlungsbedarf. Drei Tage
dauerte die Polemik, an der sich Puttke, der Betriebsrat des Aalto-Theaters
und die Presse eindeutig hinter das Ballett stellten und mit teils markigen
Sprüchen die
SPD agiert wie das Politbüro (Puttke) für den Bestand
der beiden Kompanien einsetzten. Am 9. Februar wurde die Schnapsidee zu
Grabe getragen. Vorerst wird am Fortbestand der beiden erfolgreichen Kompanien
nicht gerüttelt.
Die schnelle und nachdrückliche Reaktion aller Beteiligten auf das
unselige politische Ansinnen zeigt, wie sensibel man in Deutschland mittlerweile
auf Ankündigungen reagiert, das Ballett wegzurationalisieren. Nachdem
allein in Nordrhein-Westfalen in den letzten Jahren 30 Prozent der Tänzerstellen
ersatzlos gestrichen wurden, und das damit angeblich erzielte Einsparungspotenzial
kaum zu Buche schlägt, sollte der populistische Unfug endlich ein
Ende haben. Meint man. Aber da gibt es offenbar immer noch Politiker,
die das nicht zur Kenntnis nehmen wollen.
Dabei könnte das Ruhrgebiet
gerade mit seinenvielfältigen Tanz- und Ballettensembles und Einrichtungen
punkten, wenn seine Städte 2010 Kulturhauptstadt Europas sein werden.
Schwanensee: Partytiger und Liebeswunden
Angesichts der Qualität des Aalto Ballett Theater, das sich in den letzten Jahren zu einem der interessantesten Ensembles Deutschlands entwickelt hat, ist es völlig unverständlich, wie jemand auf die Idee einer Fusionierung oder Auflösung kommen könnte. Mit mangelnder Auslastung oder fehlendem künstlerischen Profil kann man hier nicht argumentieren. Durch eine sehr geschickte Repertoirepolitik, die das klassische Erbe in zeitgenössischem Gewand zeigt, hat sich das 24-köpfige Ensemble im In- und Ausland einen ausgezeichneten Ruf ertanzt im Festspielhaus St. Pölten gastierte es vor kurzem mit Eifmans Die Brüder Karamasow.
Auch in der neuen Schwanensee-Interpretation des Choreografen Stephan Thoss liefert das Ensemble eine glänzende Leistung (gesehen am 8. Februar). Die kleine Truppe verfügt mit Taciana Cascelli und Raul Raimondo Rebeck über zwei außergewöhnliche Tänzerpersönlichkeiten, und die Rollen von Siegfried und Odile sind mit Tomás Ottych und Ludmila Nikitenko hervorragend besetzt. Aber auch beim das Corps de ballet sind keine Schwächen
zu erkennen. Dieses Ensemble tanzt auf einem auch im internationalen
Vergleich sehr hohen Niveau.
Von Mitternacht bis Morgengrauen
Doch nun zur Choreografie: Stephan Thoss findet nach den berühmten
Versionen von Mats Ek, Matthew Bourne oder Patrice Bart noch einen
ganz anderen Zugang zum alten Märchenstoff und erzählt seine
Geschichte mit einer stringenten Dramaturgie. Rotbart ist bei ihm ein
charismatischer Partytiger, der bei den Frauen die Abwechslung liebt.
Odette verfällt
seinem Charme. Als Rotbart ihrer überdrüssig wird, zieht sie
sich in die innere Immigration zurück und verwandelt sich in einen
Schwan. Als sie sich in Siegfried verliebt, versuchen sie die anderen
Schwäne
zu warnen, ihr Vertrauen so schnell wieder zu verschenken. Und wir
kennen die Geschichte sie sollen Recht behalten. Auf einem Fest
erkennen sich Rotbart und Odile als gleiche Seelen, denen es in der
Fun-Gesellschaft um den schnellen Kick geht. Odile verführt Siegfried,
und Rotbart arrangiert, dass Odette Zeuge des Liebesgetändels der
beiden wird. Siegfried kehrt reuemütig zu Odette zurück, aber
ihr Vertrauen ist endgültig gebrochen. Als Rotbart versucht, sie
für sich zu gewinnen, lädt sie ihre ganze Wut und Aggression
an ihm ab am
Ende gehen sie als zwei gebrochen Individuen auseinander, die an der
Liebe gescheitert sind.
Der Aufbau der Geschichte bleibt dicht am Klassiker von Petipa/Iwanow.
Auch bei Thoss sind der erste und dritte Akt jeweils rauschende Feste,
der zweite und vierte spielen in der weißen Schwanenwelt. Die Tanzsprache entspringt hingegen ganz dem heute. Die Tänze des ersten und dritten Aktes sind mit Elementen des Breakdance und Jazz aufgepeppt, die eine dynamische und aufwühlende Tanzsprache erzeugen. Die Rolle Rotbarts - in dieser Version ein durchaus zweideutiger Charakter ist tänzerisch gegenüber der Originalversion aufgewertet. Der Zauberer ist nicht auf wildes Arme-Wedeln reduziert, sondern kann seine negative Energie in ekstatischen Tänzen
entladen, mit denen er seine weiblichen Opfer in seinen Bann zieht.
Die klassische Linie in den weißen Akten ist durchwegs gebrochen. Der Bewegungsduktus ist eher dem Schwan als einer edlen Ballerina abgeguckt. Besonders aussagestark ist die Armhaltung der Schwäne, die ihr zerrüttetes Gefieder schützend vor die Brust halten. Diese Geste, die durch das ganze Ballett konsequent beibehalten wird, verleiht diesen Wesen eine berührende
Verletzlichkeit.
Thoss ist mit diesem Schwanensee eine sehr interessante, heutige Deutung des alten Märchenstoffes gelungen, die er mit einem aufregenden Tanzidiom umsetzt. Die Ausstattung (Tina Kitzing) ist minimal ein
runder Stuhl, eine Bank und Kulissen, die den Ballsaal in den Schwanensee-Wald
verwandeln. Dieser Szenenwechsel vor den Augen der Zuseher unterstreicht
die psychologische Wandlung der Charaktere.
Zugegeben, der Umgang mit der Musik Tschaikowskys ist gewöhnungsbedürftig.
Die musikalische Dramaturgie wird aufgebrochen die Leitmotive
von Odette, Siegfried und Rotbart werden nicht mehr den einzelnen Personen
zugeordnet, die Partitur wird teilweise gekürzt von den
folkloristischen Tänzen
im vierten Akt bliebt nur der russische Tanz übrig und umgestellt.
So wird etwa die Musik des Pas de deux aus dem dritten Akt auch für
den Tanz von Rotbart und Odette im ersten Akt verwendet. Obwohl dieser
Kunstgriff ballettdramaturgisch sinnvoll ist, kommt es zu einer heillosen Überfrachtung
des ersten Aktes. Doch ab dem zweiten Akt findet
Thoss wieder zu einer ausgewogenen Balance. Jedenfalls war dieser Schwanensee auch
ein neues Hörerlebnis. Unter der Stabführung
von Rasmus Baumann erklingt diese Ballett-Musik wie ein Film-Score,
ganz frisch, dramatisch und temporeich.
Anhaltender Jubel im ausverkauften Auditorium, und standing ovations,
mit denen das Publikum seine Solidarität mit dem Aalto Ballett Theater Essen eindeutig demonstrierte. Ein Gastspiel im Festspielhaus St. Pölten in der nächsten
Saison ist in Diskussion.
Wuppertaler Emotionen
Das Asset im Ruhrgebiet ist die wunderbare Vielfalt an Stilen, Aussagen
und Haltungen, die man dort im Tanz und es ist ein Tanz der Weltklasse - antrifft. Am nächsten Tag besuchte ich die Wiederaufnahme von Rough Cuts (9. Februar), einem Stück
von Pina Bausch im Wuppertaler Schauspielhaus.
Rough Cuts kommt daher wie eine große Liebeserklärung
an das Leben. Am Anfang des Stückes übergibt ein Tänzer eine
Melodie, die er pfeift wie einen Kuss an einen anderen, der die Melodie aufnimmt
und weiterpfeift, bis sie der erste wieder abholt und so weiter. Diese Atmosphäre
der Freundschaft und Hilfsbereitschaft zieht sich als Motiv durch das ganze
Stück. Eine Frau will einen schwachen Ast wie einen Baum erklimmen, zwei
Kollegen hieven sie hinauf; eine andere findet sich hässlich und wird von
Daphnis mit Komplimenten überschüttet, die er auf ihre Aufforderung
hin, immer wieder geduldig wiederholt und ausbaut. Das Bühnenbild von Peter
Pabst ist eine Berglandschaft, die einmal durch Diaprojektionen in eine blühende
Wiesenlandschaft, in einen exotischen Wald oder in ein Meer verwandelt wird,
und deren schroffe Klippen von Mitgliedern des lokalen Alpenvereins mehrmals
mit Seilen erklettert werden. Immer wieder rennt und tanzt jemand wie ein Desperado
gegen die Harmonie an, aber sie wird nicht zerstört, sondern höchstens
aufgerüttelt.
Am Ende sind die Paare in inniger und heftiger Umarmung vereint.
Das Repertoire an wunderbaren und ver-rückten Ideen ist bei Pina Bausch
ja stets unerschöpflich. Das Schönste aber an dem Stück ist der
Tanz jeder der hervorragenden TänzerInnen verkörpert seine
/ ihre eigene Geschichte in einem Solo eindringlich,
und präzise, manchmal minimalistisch verhalten, dann wieder überbordend,
geben sie ihren Gefühlen
und Erfahrungen in der Bewegung Raum.
Zwei Stunden lang entführt das Tanztheater Wuppertal das Publikum in die magische Poesie des Tanzes. Nicht enden wollender Applaus, und eine große Verbeugung, als Pina Bausch auf die Bühne kommt. Die Wuppertaler sind ihrem Zauber erlegen zu
Recht. Ich auch.
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