Über die Liebe und Liebeswunden

"Schwanensee" und "Rough Cut" in Essen und Wuppertal

Zwischen Mitternacht und Morgen: Schwanensee / Rough Cut, Aalto Theater / Schauspielhaus Wuppertal, 08.und 09.02.2007.

Das war ein kurzes, aber heftiges Strohfeuer, als bekannt wurde, dass zwei SPD-Politiker die Fusionierung der Ballettkompanien von Essen und Dortmund „andachten“. Auslöser war die Ankündigung von Ballettchef Martin Puttke vom Aalto Ballett Theater Essen, dass er seinen Vertrag 2008 nicht verlängern werde. Und schon oteten also einige Politiker Handlungsbedarf. Drei Tage dauerte die Polemik, an der sich Puttke, der Betriebsrat des Aalto-Theaters und die Presse eindeutig hinter das Ballett stellten und mit teils markigen Sprüchen – „die SPD agiert wie das Politbüro“ (Puttke) – für den Bestand der beiden Kompanien einsetzten. Am 9. Februar wurde die Schnapsidee zu Grabe getragen. Vorerst wird am Fortbestand der beiden erfolgreichen Kompanien nicht gerüttelt.
Die schnelle und nachdrückliche Reaktion aller Beteiligten auf das unselige politische Ansinnen zeigt, wie sensibel man in Deutschland mittlerweile auf Ankündigungen reagiert, das Ballett wegzurationalisieren. Nachdem allein in Nordrhein-Westfalen in den letzten Jahren 30 Prozent der Tänzerstellen ersatzlos gestrichen wurden, und das damit angeblich erzielte Einsparungspotenzial kaum zu Buche schlägt, sollte der populistische Unfug endlich ein Ende haben. Meint man. Aber da gibt es offenbar immer noch Politiker, die das nicht zur Kenntnis nehmen wollen.
Dabei könnte das Ruhrgebiet gerade mit seinenvielfältigen Tanz- und Ballettensembles und Einrichtungen punkten, wenn seine Städte 2010 Kulturhauptstadt Europas sein werden.

Schwanensee: Partytiger und Liebeswunden
Angesichts der Qualität des Aalto Ballett Theater, das sich in den letzten Jahren zu einem der interessantesten Ensembles Deutschlands entwickelt hat, ist es völlig unverständlich, wie jemand auf die Idee einer Fusionierung oder Auflösung kommen könnte. Mit mangelnder Auslastung oder fehlendem künstlerischen Profil kann man hier nicht argumentieren. Durch eine sehr geschickte Repertoirepolitik, die das klassische Erbe in zeitgenössischem Gewand zeigt, hat sich das 24-köpfige Ensemble im In- und Ausland einen ausgezeichneten Ruf ertanzt – im Festspielhaus St. Pölten gastierte es vor kurzem mit Eifmans „Die Brüder Karamasow“.
Auch in der neuen „Schwanensee“-Interpretation des Choreografen Stephan Thoss liefert das Ensemble eine glänzende Leistung (gesehen am 8. Februar). Die kleine Truppe verfügt mit Taciana Cascelli und Raul Raimondo Rebeck über zwei außergewöhnliche Tänzerpersönlichkeiten, und die Rollen von Siegfried und Odile sind mit Tomás Ottych und Ludmila Nikitenko hervorragend besetzt. Aber auch beim das Corps de ballet sind keine Schwächen zu erkennen. Dieses Ensemble tanzt auf einem auch im internationalen Vergleich sehr hohen Niveau.

Von Mitternacht bis Morgengrauen
Doch nun zur Choreografie: Stephan Thoss findet nach den berühmten Versionen von Mats Ek, Matthew Bourne oder Patrice Bart noch einen ganz anderen Zugang zum alten Märchenstoff und erzählt seine Geschichte mit einer stringenten Dramaturgie. Rotbart ist bei ihm ein charismatischer Partytiger, der bei den Frauen die Abwechslung liebt. Odette verfällt seinem Charme. Als Rotbart ihrer überdrüssig wird, zieht sie sich in die innere Immigration zurück und verwandelt sich in einen Schwan. Als sie sich in Siegfried verliebt, versuchen sie die anderen Schwäne zu warnen, ihr Vertrauen so schnell wieder zu verschenken. Und – wir kennen die Geschichte – sie sollen Recht behalten. Auf einem Fest erkennen sich Rotbart und Odile als gleiche Seelen, denen es in der Fun-Gesellschaft um den schnellen Kick geht. Odile verführt Siegfried, und Rotbart arrangiert, dass Odette Zeuge des Liebesgetändels der beiden wird. Siegfried kehrt reuemütig zu Odette zurück, aber ihr Vertrauen ist endgültig gebrochen. Als Rotbart versucht, sie für sich zu gewinnen, lädt sie ihre ganze Wut und Aggression an ihm ab – am Ende gehen sie als zwei gebrochen Individuen auseinander, die an der Liebe gescheitert sind.
Der Aufbau der Geschichte bleibt dicht am Klassiker von Petipa/Iwanow. Auch bei Thoss sind der erste und dritte Akt jeweils rauschende Feste, der zweite und vierte spielen in der weißen Schwanenwelt. Die Tanzsprache entspringt hingegen ganz dem heute. Die Tänze des ersten und dritten Aktes sind mit Elementen des Breakdance und Jazz aufgepeppt, die eine dynamische und aufwühlende Tanzsprache erzeugen. Die Rolle Rotbarts - in dieser Version ein durchaus zweideutiger Charakter – ist tänzerisch gegenüber der Originalversion aufgewertet. Der Zauberer ist nicht auf wildes Arme-Wedeln reduziert, sondern kann seine negative Energie in ekstatischen Tänzen entladen, mit denen er seine weiblichen Opfer in seinen Bann zieht.
Die klassische Linie in den weißen Akten ist durchwegs gebrochen. Der Bewegungsduktus ist eher dem Schwan als einer edlen Ballerina abgeguckt. Besonders aussagestark ist die Armhaltung der Schwäne, die ihr zerrüttetes Gefieder schützend vor die Brust halten. Diese Geste, die durch das ganze Ballett konsequent beibehalten wird, verleiht diesen Wesen eine berührende Verletzlichkeit.
Thoss ist mit diesem „Schwanensee“ eine sehr interessante, heutige Deutung des alten Märchenstoffes gelungen, die er mit einem aufregenden Tanzidiom umsetzt. Die Ausstattung (Tina Kitzing) ist minimal – ein runder Stuhl, eine Bank und Kulissen, die den Ballsaal in den Schwanensee-Wald verwandeln. Dieser Szenenwechsel vor den Augen der Zuseher unterstreicht die psychologische Wandlung der Charaktere.
Zugegeben, der Umgang mit der Musik Tschaikowskys ist gewöhnungsbedürftig. Die musikalische Dramaturgie wird aufgebrochen – die Leitmotive von Odette, Siegfried und Rotbart werden nicht mehr den einzelnen Personen zugeordnet, die Partitur wird teilweise gekürzt – von den folkloristischen Tänzen im vierten Akt bliebt nur der russische Tanz übrig – und umgestellt. So wird etwa die Musik des Pas de deux aus dem dritten Akt auch für den Tanz von Rotbart und Odette im ersten Akt verwendet. Obwohl dieser Kunstgriff ballettdramaturgisch sinnvoll ist, kommt es zu einer heillosen Überfrachtung des ersten Aktes. Doch ab dem zweiten Akt findet Thoss wieder zu einer ausgewogenen Balance. Jedenfalls war dieser „Schwanensee“ auch ein neues Hörerlebnis. Unter der Stabführung von Rasmus Baumann erklingt diese Ballett-Musik wie ein Film-Score, ganz frisch, dramatisch und temporeich.
Anhaltender Jubel im ausverkauften Auditorium, und standing ovations, mit denen das Publikum seine Solidarität mit dem Aalto Ballett Theater Essen eindeutig demonstrierte. Ein Gastspiel im Festspielhaus St. Pölten in der nächsten Saison ist in Diskussion.

Wuppertaler Emotionen
Das Asset im Ruhrgebiet ist die wunderbare Vielfalt an Stilen, Aussagen und Haltungen, die man dort im Tanz – und es ist ein Tanz der Weltklasse - antrifft. Am nächsten Tag besuchte ich die Wiederaufnahme von „Rough Cuts“ (9. Februar), einem Stück von Pina Bausch im Wuppertaler Schauspielhaus.
„Rough Cuts“ kommt daher wie eine große Liebeserklärung an das Leben. Am Anfang des Stückes übergibt ein Tänzer eine Melodie, die er pfeift wie einen Kuss an einen anderen, der die Melodie aufnimmt und weiterpfeift, bis sie der erste wieder abholt und so weiter. Diese Atmosphäre der Freundschaft und Hilfsbereitschaft zieht sich als Motiv durch das ganze Stück. Eine Frau will einen schwachen Ast wie einen Baum erklimmen, zwei Kollegen hieven sie hinauf; eine andere findet sich hässlich und wird von Daphnis mit Komplimenten überschüttet, die er auf ihre Aufforderung hin, immer wieder geduldig wiederholt und ausbaut. Das Bühnenbild von Peter Pabst ist eine Berglandschaft, die einmal durch Diaprojektionen in eine blühende Wiesenlandschaft, in einen exotischen Wald oder in ein Meer verwandelt wird, und deren schroffe Klippen von Mitgliedern des lokalen Alpenvereins mehrmals mit Seilen erklettert werden. Immer wieder rennt und tanzt jemand wie ein Desperado gegen die Harmonie an, aber sie wird nicht zerstört, sondern höchstens aufgerüttelt. Am Ende sind die Paare in inniger und heftiger Umarmung vereint.
Das Repertoire an wunderbaren und ver-rückten Ideen ist bei Pina Bausch ja stets unerschöpflich. Das Schönste aber an dem Stück ist der Tanz – jeder der hervorragenden TänzerInnen verkörpert seine / ihre eigene Geschichte in einem Solo – eindringlich, und präzise, manchmal minimalistisch verhalten, dann wieder überbordend, geben sie ihren Gefühlen und Erfahrungen in der Bewegung Raum.
Zwei Stunden lang entführt das Tanztheater Wuppertal das Publikum in die magische Poesie des Tanzes. Nicht enden wollender Applaus, und eine große Verbeugung, als Pina Bausch auf die Bühne kommt. Die Wuppertaler sind ihrem Zauber erlegen – zu Recht. Ich auch.

Edith M. Wolf Perez

Online am: 12.02.2007, © www.tanz.at