Erdenschwere verhindert Höhenflug

„La Fille mal gardée“ wurde von Alexander Grant neu einstudiert

La Fille mal gardée, Staatsoper Wien, 18.01.2007.

Auf dem Land weht ein frisches Lüftchen. Alexander Grant, der in der Uraufführung von Frederick Ashtons Choreografie des schlecht gehüteten Mädchens, dem „Fille mal gardée“ (in Wien immer noch unter Ashtons ursprünglichem Titel „List und Liebe“ im Programm), die komische Rolle des Alain tanzte und nun seines Freundes Ashton Erbe verwaltet, hat das Meisterwerk mit dem Ballett der Wiener Staatsoper und Volksoper für eine Wiederaufnahme nach fünf Jahren neu einstudiert.
Wenn der Abend zu einem Erfolg wurde, so ist das vor allem dem Choreografen Frederick Ashton mit seinen Mitarbeitern Osbert Lancaster (Bühne und Kostüme) und John Lanchbery (Bearbeitung der Musik von Ferdinand Hérold) zu verdanken. Vom Zauber der märchenhaften Komödie, die bereits im Uraufführungsjahr 1789 Triumphe feierte, ist auf der Staatsopernbühne wenig zu spüren. Immerhin, es war das Jahr der französischen Revolution und die Hauptperson, eben dieses schlecht erzogene Mädchen Lise, schmuggelt noch vor der Hochzeit (mit einem von der Mutter Ausgewählten, dem etwas beschränkten Alain) ihren Galan, den Jungbauern Colas in die Kammer. Revolutionär auch hundert Jahre später noch. Doch auch mit seinen bald 220 Jahren ist dieses Mädchen samt dem fröhlichen Landvolk, der (männlich besetzten) Mutter und den beiden Hochzeitsaspiranten springlebendig, auch wenn ein Mann im Bett der Tochter keine Aufregung mehr verursacht.
Ashton skizzierte 1960 das „Strohballett“ (auch ein Titel des sich mehrmals gewandelten, aber im Kern immer gleich gebliebenen, Klassikers) als heiteres Märchen, ohne jeglichen revolutionären Anstrich, mehr als romantische Hymne auf die Schönheiten des Landlebens, das mit Sang und Tanz seinen Lauf nimmt und Regen und Sturm nur eine kleine Abwechslung des ewigen Sonnenscheins genießt. Der Inhalt ist einfach erzählt: Lise will Colas, die Mutter will ihr Alain andrehen, doch Lise setzt sich durch, die Mutter gibt nach. Ende gut, alles gut.
Wie aber Ashton diese heitere Pantomime umsetzt, mit welche Details und ironischen Anspielungen sie angereichert ist, wie fröhlich er Volkstänze und alte Bräuche plündert und wie fein er die Figuren aus der Bewegung heraus charakterisiert, wie er Komik und Clownerie in feinstes englisches Tuch hüllt (statt in grobes Leder), das ist so unnachahmlich wie der weltumspannende Siegeszug der Fassung des „Fille mal gardée“ von Frederick Ashton verständlich.
Ach ja, die Wiener Aufführung. Soll sie vielleicht verschwiegen und besser demnächst, nach einer späteren, besser ausgefeilten Aufführung beurteilt werden? Ist nicht üblich: Premiere (wenn auch nur einer Wiederaufnahme) bleibt Premiere. Also. Man sieht die Bemühungen und die eindringliche Arbeit Grants sehr wohl. Doch wirkt die Luft über Hof und Feld ziemlich schwer, die Idylle hat Bodenhaftung, es fehlt an der Dynamik. Nicht nur im mit den Positionswechseln kämpfenden Ensemble, sondern auch bei den SolistInnen. Gregor Hatala (Colas) ist zu ernsthaft, Sprungtechnik allein macht noch keinen Verliebten. Maria Yakovleva macht aus der Lise eine langweilige Transuse, die von der Liebe so wenig versteht wie von der Keckheit. Dass der Holzschuhtanz der Mutter (Wolfgang Grascher) weder exakt noch fröhlich auf den Brettern klappert, fällt da auch schon nicht mehr auf.
Angenehm, dass den Tänzern der komischen Rollen, Alain und die Mutter, jegliche possenhafte Übertreibung verwehrt worden ist. Dezenz und Understatement erhöhen sogar den Reiz der Komik. Mihail Sosnovschi als Alain, hat das bestens erkannt. Kein Dorftrottel, eher ein kindischer Jüngling, der vom Vater zu einer unbekannten Braut gezerrten wird, obwohl er doch lieber mit dem Steckenpferd herumhopst. Wenn er nach vergeblicher Werbung wieder unter die väterliche Fuchtel kehren muss, spielt sich eine ganze Skala von Gefühlsregungen in seinem Gesicht ab und für einen Augenblick meine ich, Lise hat doch die falsche Entscheidung getroffen. Mit diesem liebenswerten (und exakt tanzenden) Wurschtel wäre sie womöglich besser dran als mit dem feschen Kraftprotz Colas.
Sosnovschi tanzt den Alain noch am 26. Jänner. Am 6.2. übernimmt Rudolf Wächter die Rolle. Am 12. und 18.2. ist der junge Ukrainer Denys Cherevychko als Alain an der Reihe; Sosnovschi wird als Partner von Aliya Tanikpaeva dann Colas sein.

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Ditta Rudle

Online am: 22.01.2007, © www.tanz.at