Der Wucht der Worte begegnen |
Das aalto ballett theater essen zu Gast in St. Pölten |
Die Brüder Karamasow, Festspielhaus St. Pölten, 20.01.2007. |
Dostojewskis letzter Roman Die Brüder Karamasow ist das Vermächtnis eines schreibenden Giganten: eine an die 1000-seitige Abhandlung über Suche und Erkenntnis, über Verfehlung und Sühne, über das Scheitern des Menschen an der eigenen Freiheit, verpackt in die komplexe Geschichte eines Vatermordes. Fjodor Pawlowitsch Karamasow, ein niederträchtiger Wüstling hat drei eheliche Söhne in die Welt gesetzt Dimitri, Iwan und Alexej. Unter einem Dach lebten die drei Brüder nie, was sie dennoch vereint, ist ein tiefes Gefühl gegen den Vater ein sonderbares Gemisch aus Hass, Verachtung und unwillkürlicher Hinwendung. Als das alte Scheusal einer Bluttat zum Opfer fällt, sprechen die Indizien gegen Dimitri, dessen Geliebte der Alte versucht hat, an sich zu reißen. Boris Eifman, russischer Großmeister des szenischen Erzählens, hat sich 1995 dem umfassenden Epos gestellt und ist der Wucht der Wörter mit der kongenialen Intensität seiner Bewegungsbilder entgegengetreten. Die Frage nach dem wahren Mord tritt bei dieser Interpretation völlig in den Hintergrund, er inszeniert in einem kurzen und dichten ersten Akt den Mord als imposante Massenszene, wo alle als Täter, Anstifter, tatenlose Zuschauer oder erfolglose Verhinderer ihren Teil der Schuld auf sich laden. Eifman interessiert sich vielmehr für die ambivalente Bindung zwischen dem Vater und seinen Nachkommen. Er verheddert sie in ein fatales Fadengeflecht, verwickelt sie in ein unermüdliches Hin und Weg, Abwenden und Zuwenden, bis einer in die Schlinge tappt und stellvertretend für alle die Untat sühnt. Alexej, die scheinbare Tugendgestalt im Novizenkleid, rückt er ins Zentrum des zweiten, Dostojewskis philosophischen Ausführungen gewidmeten Aktes und lässt den feinen Geist an seinen Idealen ebenso scheitern wie den grobschlächtigen Vater an seinen Lastern. Sechs Solisten mit der betörenden Gruschenka und der in Selbstaufgabe liebenden Katarina tragen Eifmans tänzerische Verarbeitung der literarischen Vorlage. In einer dicht komponierten Abfolge aus Variationen von Pas de deux, Pas de trois und Pas de quatre skizziert er das emotionale Chaos seiner Protagonisten und setzt eindrucksvolle Akzente mit dem Corps de ballet. Präzise und elegant die Tänzer und Tänzerinnen des aalto ballett theater essen, die Eifmans eindringliche Tanzsprache ob er nun die dramatischen, emotionalen oder den abstrakten Aspekte der literarischen Quelle in Bilder fasst spektakulär auf die Bühne setzen.
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Karin Schiefer |
Online am: 22.01.2007, © www.tanz.at |