Im Walzertakt

Gegen den Charme der alten „Puppenfee“ im Zauberladen, wirkt das neue „Platzkonzert“ im Prater ziemlich blass.

Die Puppenfee / Platzkonzert, Wiederaufnahme und Premiere, Staatsoper Wien, 25.12.2006.

Bald 120 Jahre trägt die „Puppenfee“ auf ihren Schultern und doch scheint sie alterslos. Seit der Rekonstruktion der Originalfassung von Josef Hassreiter (Choreografie), Josef Mayer (Musik), Anton Brioschi und Franz Gaul (Bühnebild und Kostüme) durch Gerlinde Dill (Premiere 1983) haben Generationen von Elevinnen und Eleven und viele, viele Solistinnen des Staatsopernballetts die Pantomime im Spielzeugladen getanzt. Nach einigen Jahre Pause ist am Weihnachtstag dieses nicht nur Kinder entzückende Gustostück (und als Weihnachtstheater weit besser geeignet als Renato Zanellas verunglückter „Nussknacker“) wieder ins Repertoire aufgenommen worden. Gründlich überholt und durch die zahlreichen „Debütanten“, Solistinnen und Solisten, die die mechanischen Puppen und die kauflustigen BesucherInnen im Spielzeugladen zum ersten Mal tanzten, mit Energie aufgeladen. Auch die „Puppenfee“ selbst ist neu besetzt – mit der Fee schlecht hin: Dagmar Kronberger.
Weil es eine perfekte Vorstellung war, in der sich auch die kleinen Puppen und Spielzeugfiguren wacker hielten und artig im Takt mit den Köpfchen nickten, darf das lobende Namedropping ausgelassen werden. Eine Ausnahme aber will doch gemacht werden: Lucie Horna, die frisch und ungeniert die Tochter des Bauernpaares spielt, zieht durch ihr schauspielerisches Talent die Aufmerksamkeit auf sich und zeigt, so jung sie ist, dass auch eine kleine Rolle mit Leben und Charakter erfüllt werden kann.
Wie schon vor mehr als hundert Jahren füllt die „Puppenfee“ auch heute noch Parkett und Logen. Das muss genutzt werden und so war die Vorstellung am Christtag gleich zwei Mal angesetzt. Ein weniger frohes denn ein anstrengendes Weihnachtsfest für die TänzerInnen. Ob sich auch Opernstars so einen Doppeleinsatz auferlegen ließen? Dass auch in der Abendvorstellung keine Ermüdungserscheinungen zu sehen waren, spricht für die Qualität des gesamten Ensembles. Nur Gregor Hatala, der nach der Nachmittagsvorstellung erkrankte, konnte am Abend nicht tanzen. Umso mehr muss Vladimir Shishov gepriesen werden, der für den Kollegen als Militärkapellmeister eingesprungen ist und nach nur einer Stellprobe in der Pause die Rolle mit Bravour und Verve meisterte.
Allerdings ist „Platzkonzert“, eine Kreation von Gyula Harangozó sen., dem Vater des derzeitigen Wiener Ballettdirektors aus dem Jahr 1948, nicht gerade eine Herausforderung für Tänzerinnen und Tänzer. Ein verfrühtes Neujahrskonzert walzt da zu Musik von Johann Strauss in papierener Kulisse (Praterbäume, Praterwirtshaus, Musikpavillon, gebastelt von Attila Csikòs) Hüte schwenkend und ständig winkend über die Bühne. Ein Genrebild ohne tänzerische Höhepunkte (auch wenn Karina Sarkissova als Primadonna einige Pirouetten drehen darf und dafür auch von den Gelangweilten Applaus erntet). Rudolf Wächter zeigt als „Mäzen“, dass er auch komisches Talent hat. Doch waren es bei Licht besehen der komischen Rollen und Groteskszenen zu viele, um die Frage, warum dieses kleine Unterhaltungsstück aus der Kiste geholt worden ist, schlüssig zu beantworten.
Die faltenlose Puppenfee kann ihre Frage an den Spiegel jedoch getrost stellen. Auch mit 118 Jahre bleibt sie die Schönste. Das halb so alte „Platzkonzert“ wirkt dagegen als ein Greis, mühsam fröhlich zwar aber kraftlos und ziemlich faltig.

Ditta Rudle

Online am: 02.01.2006, © www.tanz.at