Anne-Marie Porras und die Dynamik des Tanzes |
Montpellier Danse präsentierte in seinem Saisonprogramm zwei Stücke der heimischen Choreografin Anne-Marie Porras
|
Sarah / Plaine des sables, Montpellier , 01.12.2006. |
Montpellier Danse, der Titel ist bekannt durch das Sommerfestival, das heuer sein 25jähriges Bestehen feierte. Weniger bekannt ist hierzulande, dass es unter dem Namen Montpellier Danse auch ein Saisonprogramm gibt, das an verschiedenen Plätzen der südfranzösischen Stadt das ganze Jahr über Tanz bietet. Von 28. November bis 1. Dezember stand die in Montpellier ansässige Cie Anne-Marie Porras auf dem Programm. Die kleine, quirlige Anne-Marie Porras ist ganz Tanz - nicht nur Choreografin, sondern ebenso sehr berufene Pädagogin. In Montpellier betreibt sie die Schule Epse Danse, in der unter anderem staatlich anerkannte Pädagogen für klassisches Ballett, zeitgenössischen Tanz und Jazz ausgebildet werden (seit 1989 muss man in Frankreich ein Staatsdiplom als Tanzpädagoge haben, um unterrichten zu dürfen). Außerdem leitet sie seit vielen Jahren Seminare bei Workshopreihen, unter anderem beim Tanzsommer Bozen, wo sie den Reigen der beliebtesten Lehrer anführt. Anne-Marie Porras einzigartiger Stil ist eine gelungene Mischung aus Jazz und zeitgenössischem Bewegungsvokabular. Sie arbeitete mit den Choreografen Walter Nicks, Ingebor Liptay und Jörg Lanner zusammen und vervollständigte ihre Studien in den Schulen von Alvin Ailey, Martha Graham und Merce Cunningham. Ihre ersten choreografischen Auftragsarbeiten entstanden für das Konservatorium von Maurice Béjart in Brüssel und für den Film Les Uns et les Autres von Claude Lelouch. Mit Voyages für das Festival Focus on Jazz in Montreal und Transit für Montpellier Danse begann Mitte der 1980er Jahre ihre kontinuierliche choreografische Recherche, die sie mit ihrer Kompanie auf der ganzen Welt präsentiert.
Logik der Bewegung Im Theater Chai du Terral, einem ehemaligen Weinkeller, der in ein Kulturzentrum samt Theater umgebaut wurde, zeigte die Cie. Anne-Marie Porras nun die neuesten Choreografien ihrer Leiterin, Sarah und Plaine des sables. Die beiden Stücke könnten nicht unterschiedlicher ausgefallen sein. Porras adaptiert ihren choreografischen Stil offensichtlich nach den Inhalten ihrer Ballette und die standen unter dem Vorzeichen männlich bzw. weiblich. Gleichzeitig folgt Porras aber der Logik der Bewegung. Ihre Tanzsprache ist organisch und entwickelt sich auf natürliche Art und Weise. Dadurch wirken ihre Arbeiten wie aus einem Guss. Porras nimmt eine Idee auf, verfolgt sie und lässt sie sich entwickeln ganz auf die Eigendynamik des Tanzes vertrauend. Dadurch gerät der Zuseher in einen Sog der Bewegung, als wäre er mitten auf der Bühne und nicht bequem auf seinem Stuhl sitzend. Der Impakt der Bewegungssprache wird von der Musik blendend unterstützt. Der kongenialen Soundtrack bei beiden Stücken stammte vom Allround-Musiker Armand Amar, der besonders durch seine Filmmusiken etwa für Earth from Above bekannt ist.
Mit der Energie der Pferde Die Tänzer in Plaine des Sables sind halb Mensch, halb Pferd. Es ist eine bedrohliche Stimmung, die in dieser Herde herrscht. In der Freiheit herrschen strenge Gesetze wie bei den Pferden der Camargue - einem der letzten Wildpferde-Resorts Europas, gleich in der Nähe von Montpellier. Von dort hat Anne-Marie Porras wohl ihre Inspiration genommen, denn die Bewegungssprache ist energiegeladen, von einer fordernden und gehaltenen Kraft, sinnlich, kontrolliert, ernst. Das Alphatier weist die einzelnen auf ihren Platz. Ist die Gruppe allein, finden ihre Mitglieder zu spielerischen und kämpferischen, aber auch zu zärtlichen und freundschaftlichen Begegnungen. Für die heurige Wiederaufnahme (das Stück hatte vor zwei Jahren seine Uraufführung) konnte Porras die erfahrenen Tänzer Rudy Bryans (ein Prix Nijinsky-Träger) und Lario Ekson (unter anderem Tänzer bei Carolyn Carlson) gewinnen. Sie eröffnen und beschließen das Stück mit beschwörender Gestik, wie Totems oder Schamanen bilden sie einen rituellen Rahmen für den athletischen Tanz der jugendlichen Gruppe.
Der Schwung der Liebe Leicht und verspielt präsentiert sich hingegen Sarah, wo sich alles um die Liebe dreht. Ausgangspunkt ist die Zigeunerin Sarah aus Saintes-Marie-de-la-Mer, wieder ein Thema aus der geografischen Umgebung der Choreografin. Die erotischen Pas de deux sind von einer außergewöhnlichen Beweglichkeit ein Fluss aus Drehungen und Wendungen, Berührung und Distanz rund, geschwungen, eine Wellenbewegung zwischen Himmel und Erde. Die TänzerInnen stellen einander nach, laufen voneinander weg und finden sich zu zutiefst menschlichen Begegnungen. Die mediterrane Wärme durchzieht das Stück von Anfang bis Ende, die Kostüme und Lichtstimmungen hingegen sind in eher gedämpften kalten Blau- und Grautönen und Schwarz gehalten ein Widerspruch, der den Lebensraum des Mittelmeerraums kennzeichnet. In beiden Stücken stellt sich Anne-Marie Porras als eindringliche und konsequente Choreografin vor, die von ihren jungen TänzerInnen viel verlangt und alles bekommt - leidenschaftlichen Tanz auf höchstem Niveau.
|
Edith M. Wolf Perez |
Online am: 14.12.2006, © www.tanz.at |