Es lebe die Vielfalt

Kambodschanische höfische Kunst und neoklassische Moderne bei New Crowned Hope

Mozart Dances / Pamina Devi, Museumsquartier / Schlosstheater Schönbrunn, 08./09.12.2006.

Den Tanz in Wien hat Peter Sellers bei seinem Festival New Crowned Hope ganz schön aufgemischt. Selten sieht man in einem derart kurzen Zeitraum soviel Verschiedenes - stilistisch, choreografisch und kulturell und das nicht zufällig und beliebig, sondern strikt dem Mozartschen Gedenkjahr verpflichtet. Vergangene Woche war das Publikum erneut eingeladen, sich auf Unterschiede und Widersprüche einzulassen: Bei Mark Morris' "Mozart Dances" (gesehene Vorstellung: 8. Dezember) und "Pamina Devi", einer kambodschanischen Version der "Zauberflöte" (9. Dezember), konzipiert in der Formensprache einer klassischen Kunst, deren Ursprünge bis ins 6. Jahrhundert zurückreicht. Nachdem die roten Khmer sie als "Feudalkultur" ausgerottet hatten, erlebt die höfische Tanz- und Musikklassik Kambodschas seit den 1980er Jahren wieder eine Renaissance.
Es mag befremdlich erscheinen, wenn der hierzulande völlig unbekannten, höfischen Bühnenkunst aus Kambodscha- die zugleich ein religiöses Ritual ist - nun partout ein Mozart-Thema aufoktroyiert wird. Doch die Zweifel schwinden bald, denn die Choreografin Sophiline Cheam Shapiro und die Tänzerinnen und Musiker der Khmer Arts Academy erzählen das Märchen von Tamino und Pamino, von Sarastro und der Königin der Nacht so selbstverständlich, als wäre ihnen der Stoff nicht fremd. Mit stilisierten Gesten und expressiver Mimik begleiten die graziösen Tänzerinnen (ausschließlich Frauen) die Texte der SängerInnen (die auf deutsch und englisch in Übertiteln zu lesen sind). Einzig die Figur vom Vogelfänger Papageno fügt sich nicht ganz so harmonisch in die Handlung. Am Ende wird Papagena hervorgezaubert - ein gefangener Vogel, dessen Schönheit Papageno bis dahin nicht erkannt hatte, erläutert der Text. Die getragene Bewegungssprache, die rhythmische Musik und die prachtvollen Kostüme verleihen dieser Zauberflöte nicht nur exotisches Flair, sondern fügen der bekannten Oper eine Reihe spannender Rätsel hinzu. Zur kulturellen Synthese trug auch das gediegene kleine Schlosstheater in Schönbrunn als Aufführungsort bei (noch zu sehen bis 13. Dezember).
US-amerikanische Choreografen haben es dieser Tage schwer in Europa, scheint sich doch ihre Tanzsprache in den letzten Jahrzehnten nicht weiterzuentwickeln. Auch bei einem Kapazunder wie Mark Morris, der als Nachfolger von Maurice Béjart von 1988 bis 1991 an der Brüsseler Oper mit seinen Inszenierungen für durchaus kontroversielle Furore sorgte. Doch seine nun gezeigten "Mozart Dances" bestehen aus einer Mixtur von (neo-)klassischem und modernem Tanz, die weder die eine noch die andere Seite so wirklich befriedigend erfüllt. Diese Tanzsprache, die Leichtigkeit und schnelle Fussarbeit fordert, entspricht nicht der Physis der athletischen TänzerInnen - auch wenn man die ballettartigen Schrittkombinationen ironisierend gemeint sein sollten.
Doch Mark Morris' Musikalität versöhnt schließlich doch. Aus zwei Klavierkonzerten und einer Klaviersonate baut er ein dreiaktiges Ballett, das in einem Guss konzipiert wurde. Der erste Akt ein Frauenballett mit geometrischen Linien, der zweite Teil ein Männerballett, das auf Kreisformen aufbaut - hinreißend die Reigenvariationen, die einen meditativen Sog erzeugen, und schließlich das Finale mit dem gesamten Ensemble, in dem das Spiel der Auftritte und Abgänge ebenso dynamisch und sorglos dahinperlen wie Mozarts Musik. Und so wird Mark Morris' "Mozart Dances" zu einem rundum musikalischen Erlebnis, hervorragend musiziert vom Orchestra Camerata Salzburg unter der Leitung von Louis Langrée sowie den Pianisten Emanuel Ax und Yoko Nozaki. Jubel im Publikum.
www.newcrownedhope.org

Edith M. Wolf Perez

Online am: 11.12.2006, © www.tanz.at