Ratlos unter der Zirkuskuppel

Die Performance von Faustin Linyekula mit Les Studios Kabako irritiert durch Vielfalt ohne Mitte

New Crowned Hope: The Dialogue Series – "iii.dinozord", Museumsquartier, Halle G, 30.11.2006.

Ist es Politik oder Theater, Satire oder Missachtung des Publikums, eine Persiflage afrikanischer Kultur oder ein Anbiedern an den Westen? Oder nichts von all dem, sondern eben ein weiterer Beitrag zum New Crowned Hope-Festival, wie er sein soll: fremd und die Gewohnheiten der ZuseherInnen störend?
Faustin Linyekulas Performance mit dem sperrigen Titel „The Dialogue Series – iii.dinozord“ (wobei dinozord der Name eines Breakdancers ist, „Dinosaurier, der Letzte seiner Rasse“, nennt sich der junge Mann) macht die ZuschauerInnen ratlos. Und Ratlosigkeit langweilt auf die Dauer. Auch bei dieser Vorstellung aus dem NCH-Paket setzt nach einer Stunde die große Wanderbewegung ein.
Linyekula ist ein anerkannter Choreograf und Performer. Als der im Kongo geborene Faustin Linyekula im Jahr 2001, nach acht Jahren im Exil, in die Hauptstadt Kinshasa kam, kehrte er direkt ins Zentrum des Zusammenbruchs zurück. Dort gründete er seine eigene Truppe sowie ein Zentrum für Tanz und Theater, les Studios Kabako. Schnell ist er zu einer der führenden Persönlichkeiten im Kongo geworden. Er erhielt für seine Projekte zahlreiche Auszeichnungen und war bei den wichtigsten europäischen Festivals und Tanzzentren zu Gast, im Rahmen von tanz2000 (Wiener Festwochen & ImPulsTanz) in einem danceWEB Spezialprojekt auch in Wien. Linyekula hat mit Regine Chopinot und Mathilde Monnier gearbeitet, seine Stücke wurden in Avignon und Montpellier gezeigt.
Kein unwesentliches Renommee. Habe ich nicht verstanden, was er dem Publikum mit der zerflatterten, offenen Performance ohne Ende sagen will? Sind die falsch übersetzten Texte, die pseudo-erotischen Hüftschwenks, die komischen Windelhöschen, die die sieben Performer tragen, die beliebig aufgetrage Körperbemalung, absichtliche Scherze, bewusste Irritation? Soll das Publikum mit seinem Afrika-Klischee konfrontiert werden? Macht er sich mit Verrenkungen und geschüttelten Gliedmaßen über manche Auswüchse des zeitgenössischen Tanzes lustig? Die Antwort fällt mir schwer. Zwei Stunden Verwirrung und immer wieder auch Langeweile sind auf jeden Fall zu viel.
Was dieses Stück bietet ist ganz sicher Stückwerk: Der Countertenor Serge Kakdji dekonstruiert Teile aus Mozarts „Requiem“, aus dem Lautsprecher tönt Lärm wie aus einem Horrorfilm, auch Arvo Pärt wird strapaziert; Videoeinspielungen zeigen den Alltag im Kongo (wie wir ihn kennen), lange Reden werden gehalten, über die herrschende Politik im Kongo und den an der Pest verstorbenen Dichter (ein Revolutionär oder ein Clown?) Kabako, dem Linyekula den Abend gewidmet hat. Faustin Linyekula bietet keine stringente Performance, zeigt weder Theater (Tanztheater) noch Film, tritt viele Ideen (etwa die, Filmsequenzen rückwärts laufen zu lassen) platt und findet vor allem kein Ende. Mittendrin, es hört sich schon an, wie ein gutes Schlusswort, bricht der Schauspieler Papy Mwbit aus und artikuliert, was sich manche im Saal denken: „Was geht hier vor? Ich wollte ein gewöhnlicher Schauspieler sein. Ich hab genug davon!“ Aufblitzende Ironie? Der Ärger verfliegt, der große Mann fügt sich wieder ins Ensemble, hilft mit Kabakos Notizen in die rote Blechkiste zu packen.
Für Linyekula entsteht Theater und Tanz immer im Direktkontakt mit dem Publikum, im Hier und Jetzt. Mit dem Wiener Publikum war kein Kontakt herzustellen. Auch den Erzähler, wie man ihn aus den Dörfern im Kongo noch kennt, hält er für wichtig. Wenn dieser jedoch in einer fremden Sprache spricht, geht die Geschichte verloren und das Theater wird zur leeren Bühne. Das Publikum bleibt ratlos unter der Zirkuskuppel. Ach ja, dinozord, der Breakdancer aus Afrika, hat am Schluss, am fast tatsächlichen Schluss, einen fulminanten Auftritt mit Körperrotation und Schulterstand. Auch ein Aperçu, das nicht einzuordnen ist.

Ditta Rudle

Online am: 04.12.2006, © www.tanz.at