Einladung zum Ahnenfest

Requiem von Lemi Ponifasio und der Gruppe Mau ist ein fremdartiges Ereignis, mehr Ritual als Theater

Requiem, Museumsquartier, Halle, 25.11.2006.

New Crowned Hope, das von Peter Sellars organisierte Festival im Rahmen des Wiener Mozartjahres 2006, ist ein verzwicktes nicht leicht durchschaubares Projekt, das aufmerksames Eintauchen, unvoreingenommene Neugier und konzentrierte Geduld verlangt. Aus allen Sparten und Erdteilen hat Sellars KünstlerInnen eingeladen, sich ihre eigenen Gedanken über und zu Wolfgang Amadeus Mozart und seinen Werken zu machen. Dass sein Mozartbild ein sentimentales, keineswegs der Historie entsprechendes ist, tut dabei nichts zur Sache. Es geht ums Heute, um Gesellschaft und Politik, um Leben, Lieben und Leiden. Im Rahmen des verzweigten Netzwerkes, das auch im nächsten Jahr und andernorts weiterwuchern soll, haben auch vier ChoreografInnen einen Mozart-Auftrag erhalten. Drei Stücke aus verschiedenen Erdteilen erleben in Wien ihre Uraufführung: „Requiem“ von Lemi Ponifasio aus dem pazifischen Raum; „The Dialogue Series – iii.dnozord“ von Faustin Linyekula aus Afrika; “Pamina Devi“ von Sophiline Cheam Shapiro aus Kambodscha und schließlich „Mozart Dances“ von Mark Morris, die bereits im heurigen Sommer in New York gezeigt (und bejubelt) worden sind.
Lemi Ponifasio, in Samoa geboren, hat 1995 die Gruppe Mau – Vision, benannt nach der fünfzig Jahre alten samoanischen Unabhängigkeitsbewegung, gegründet. Er bezeichnet sie als „Aumalaga“, als „reisende Delegation“; die Mitglieder stammen von den Inseln des Pazifikkraums, Samoa, Tonga, Kiribati, Kanaky … Seit er mit Mau 2005 bei der Biennale von Venedig zu Gast war und das Festival „Theater der Welt“ in Stuttgart eröffnet hat, beginnt der Name auch in Europa zu klingen. Für NCH hat Ponifasio ein „Requiem“ inszeniert, choreografiert, gefeiert.
Aufklärender Einschub. Einmal sei es noch gesagt: NCH – New Crowned Hope ist der Name jener Freimaurerloge, für deren Wiedereröffnung (nach der Schließung aller Logen durch Joseph II.) Mozart die so genannte Freimaurerkantate komponiert hat. Bei der Uraufführung Kantate 1791 knapp vor seinem Tod, trat Mozart zum letzten mal öffentlich auf. Unter dem Motto „Wo Mozart aufhörte, beginnen wir,“ gab Peter Sellars dem Festival den Namen der Geheimloge.
Reqiem also, ohne Mozart aber voll Trauer und Sehnsucht. Eher ein Oratorium oder eine heilige Zeremonie, ein Ritual aus einem uns fernen Geist, feierlich, getragen, rätselhaft und effektvoll. Der höchst eigene Geduldsfaden allerdings wird so gespannt, dass er manchen ZuschauerInnen gerissen ist. Nach einer Stunde im geheimnisvollen Dämmerlicht unter dem dumpfen Dröhnen der elektronischen Soundglocke setzt – wenig überraschend – eine Abwanderungsbewegung ein. Mit üblichen Maßstäben ist die Performance nicht zu messen, schöpft doch Lemi Ponifasio mit MAU (das Ensemble besteht aus tanzenden Sängerinnen, singenden Tänzern) ganz aus der Kultur und den Traditionen des Pazifikraums und in „Requiem“ auch aus seinem eigenen Erleben. Durch die Räume aus Licht und Schatten, die Helen Todd subtil und immer wieder überraschend baut, ist es nicht gar so schwer, die Zeit zu vergessen, sich auf die sich wiederholenden Abläufe, auf die Bilder und ineinander fließenden Szenen einzulassen. Eine Lichterprozession zieht vorbei, schweigende Männer tragen geschnitzte Vogelköpfe mit langen Hälsen, ein Kind in weißem Kleid beginnt am ganzen Körper zu bluten, doch es scheint keinen Schmerz zu fühlen, mühsam bewegt sich eine Frau am Horizont ihrem Ziel entgegen, das Haus wird gekehrt, blechern schlägt eine Glocke, ruft zum Totengebet. Die Lebenden und die Toten wohnen unter einem Dach. Ein auf den Fersen ausgeführter zappelnder Gleitschritt scheint der zeremoniale Grundschritt zu sein, gesungen wird vor allem von den Frauen, eine Art Sprechgesang, Gebete mit stahlharter, fester Stimme vorgetragen, flehend, beschwörend, selbstbewusst. Ein großartiger Kontrast zum überflüssigen, die von den PerformerInnen gewünschte Meditation störenden, künstlichen Soundteppich.
Darüber hinaus aber macht Lemi Ponifasio keine Kompromisse, biedert sich nicht an das europäische Publikum an und bleibt so fern von jeglichem touristischem Kitsch, dass es ein Sakrileg ist, diesen Gedanken überhaupt zu haben. Am Ende nach filmartigen Traumsequenzen werden kleine geflochtene Matten ausgelegt, in Ruhe und Gelassenheit, bis der Bühnenboden, der im Licht hin und wieder wie flüssiges Silber schimmert, bedeckt ist. Das dauert. Dann werden sie von einem Kind wieder eingesammelt, Matte für Matte. Das dauert noch länger. So soll es sein. Ein Ritual hat seine eigenen Gesetze und das Publikum war zur Teilnahme eingeladen, zum Mitschwingen und Mitleben. Manche sind der Einladung gefolgt – zum Dank gab es bei Brot und Wein fröhliche energiegeladene Zugaben im Pausenfoyer: Eine Premierenfeier der anderen Art, ein Fest für alle (Schicki und Micki gaben sich ohnedies wie jedes Jahr, dieselbe Prozedur: Nestroypreis, diesmal in der Josefstadt).

Requiem noch am 27. und 28. 11., 20 Uhr, Museumsquartier
The Dialogue Series – iii donozord: 30.11., 1., 2., 3.12., 20 Uhr, Museumsquartier
Mozart Dances: 7.–10.12., 20 Uhr, Museumsquartier
Pamina Devi: 8.–13.12., 20 Uhr, Schlosstheater Schönbrunn.

Iris Herbst

Online am: 27.11.2006, © www.tanz.at