Boris Eifmans Ballett Anna Karenina, 2005 in St. Petersburg uraufgeführt, zu beurteilen, ist ein schwieriges Unterfangen. Je nach Blickpunkt sehe ich etwas sehr Unterschiedliches. Wo stelle ich mich auf? Schaue ich aus der Ecke der Tolstoiverehrerin und Literaturkennerin, aus jener der anspruchsvollen Ballettliebhaberin, die sich nicht mit Zirkusakrobatik begnügt; stelle ich mich mit dem Publikum, das nach leicht fasslicher Handlung und üppigen Bildern giert, auf den Ansichtspunkt? Oder kehre ich gar die nörgelnde Kritikerin heraus, die sich, skeptisch und cool, niemals verzaubern lassen will? Gegen diese eigenwillige Anna Karenina ist ebenso viel einzuwenden wie dafür zu sprechen ist. Zäumen wir mal das Pferd oder den Zug, denn dieser, in seiner bedrohlichen Geschwindigkeit dargestellt vom mechanischen Ballett(Ensemble), ist einer der Höhepunkte des Abends fangen wir also mit den Reaktionen des Publikums an: Begeistert ist das passende Adjektiv. Schwer macht es Choreograf Boris Eifman nicht: Aus Leo Tolstois vielschichtigem Roman extrahiert er drei Personen: Anna, ihren Mann Karenin und den Liebhaber Wronski, der Rest der Dekoration Ballgesellschaft, Soldaten, Venezianische Masken, Arbeiter, Albträume und eben auch der Zug ist Ensemble, der Rest vom Roman Schweigen. Anna und die Männer also, oder Anna zwischen den Männern, denen sie sich abwechselnd mit großer Geste vor die Füße wirft. Das ist es, womit Eifman arbeitet: Große Gesten, schwingende oft unnatürlich verrenkte Hüften, geworfene und geschlungene Beine, spitz abgewinkelt, dann wieder tiefe Pliés und harte Stürze auf den Boden. Expressive Akrobatik, die für die dauernden Gefühlsausbrüche steht, von denen die in das Dreieck Verwickelten wechselweise aber permanent geschüttelt werden. Für die drei Solisten anstrengend und anspruchsvoll, fürs Publikum spektakulär. Dazu kommt eine praktikable Bühnenlösung, die keinerlei Umbaupausen nötig macht, sondern durch auf- und abfahrende Panoramawände die wechselnden Räume schafft. Eine Herausforderung für die Technik: Die Räume wechseln im Flug. Die Zutaten machten einer Ausstattungsrevue alle Ehre: Prächtige Kostüme, eine großartige Lichtregie (Gleb Filschtinski, realisiert von Wolfgang Könnyü) und schnell wechselnde Szenen, die filmisch aufbereitet sind. Subtilität und Differenzierung ist Eifmans Anliegen nicht. Zur Sache. Das Wiener Ballett der Staatsoper und Volksoper hat die gesamte Kiste von Eifman gekauft, was den Vorteil hat, dass russische Kapazitäten auch die Einstudierung überwacht haben. Als Anna zeigte sich die aus St. Petersburg importierte neue Solistin Olga Esina erstmals in einer abendfüllenden Rolle. Eine unglückliche Frau, von Anfang bis zum tödlichen Schluss, exaltiert und realitätsfern. Mehr mit den expressiven Bewegungen, die Eifman wünscht, beschäftigt, bleibt ihr wenig Zeit und Kraft für feinere Gefühlsschattierungen. Kirill Kourlaev legt Karenin nicht als kaltherzigen Beamten an, sondern als seine Frau aufrichtig liebenden, später gebrochenen, Ehemann an. Eifman hat den beiden Männern kein unterschiedliches Vokabular zur Verfügung gestellt, sodass es mitunter schwierig ist, zu erkennen, vor wessen Füße sich Anna gerade wieder wirft. In der delikat deutlichen Bettszene allerdings ist alles klar. Gemeinsam im Bett: eheliches Schlafzimmer; weit voneinander getrennte Polster (in einer Synchronszene): Liebespaar. Wronski ist Vladmiir Shishov, ebenfalls vom Mariinsky Theater aus St. Petersburg frisch nach Wien engagiert. Die eigentlichen Stars des Abends sind so wie so die Ensemblemitglieder, die in symmetrischer Formation über die Bühne rasen und den Eindruck einer gekonnt choreografierten Eisrevue eher bestätigen als zunichte machen. Auch wenn Eifman den klassischen Tanz über sich hinaushebt und mit neuen Bewegungsmustern anreichert, so ist die nahezu halsbrecherische Artistik nur die Oberfläche eines Balletts. Es fehlt eine wirkliche Geschichte, es fehlen Personen, die sich entwickeln und verändern, es fehlt die Tiefe. Dass es ihm vor allem um die Effekte geht und die sind phänomenal, das darf und muss schon zugegeben werden , zeigt Eifman, der sich übrigens nach der Premiere unter Applausjubel artig verbeugen durfte, auch in der Musikauswahl. Ohne Gedanken an bereits choreografierte Musik von Tschaikowsky (Balanchines Serenade etwa zur Serenade für Streichorchester) rührt er Stück um Stückerl, Beliebtes und weniger Bekanntes, zu einer eher würzlosen Suppe zusammen. Immerhin hat die Volksopernaufführung gegenüber den Tourneen des Eifmanschen Originalensembles den Vorteil der Live-Musik. David Levi und das Wiener Volksopernorchester haben zwar alle Mühe, mit den rasanten Bewegungen auf der Bühne Takt zu halten, doch bewältigen sie die Zusammensetzung des schwierigen Tonpuzzles im Großen und Ganzen ohne Abstürze. Gut getan hat dem Abend sicher auch die Verknappung der Szenenbilder. In Wien wird der spektakuläre Tod Annas nicht mehr beredet. Sprung von der Brücke und aus.
Nächste Vorstellungen: 1., 12., 18. Dezember.
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