Frisch gekocht, was bitter schmeckt

Das Ensemble homunculus macht seinem Frust über die Kulturpantscherei Luft.

Wiener Küche, Neustifthalle, 21.11.2006.

„Wiener Küche“ von Manfred Aichinger & Nikolaus Selimov, ist ein fröhliches Stück, obwohl es aus Frustration und Bitterkeit entstanden ist. Auch wenn in der Bühnenküche sogar gekocht wird, geht es weniger um die Gourmet-Hauben der Speisehäuser als um jene Suppen und Eintöpfe, die in der Kulturküche zwangsläufig entstehen.
Wie’s läuft erfährt das Publikum hautnah zu Beginn: Vorgezeichnete Wege, strenges Redeverbot, Bewachung durch eine gnadenlose Securitymannschaft (was die Teilnahme von Frauen am bösen Spiel nicht ausschließt).
Falls es mit dem Lösen des Küchengeheimnisses hapert, hat Manfred Aichinger eine Rede vorbereit. „Selbstmitleidig, banal, unkünstlerisch“ lässt er Susi Wisiak als stellvertretende Raunzerin sagen, und nimmt damit den Wind aus jeglichem Kritiksegel. Recht hat er ja eigentlich, wenn er die Szene, die hüben, auf der Tanzbühne und die drüben, in den Kommissionen und Jurys, auf die Schaufel nimmt. Das Ensemble ist mit Verve und Frohsinn dabei und zeigt in einer temporeichen und bestens getimten Choreografie, was in dieser Wiener Kulturküche so auffällt und aufstößt. Betka Fislová & Germano Milite spielen als exaktes Tangopaar in eigener Choreografie quasi die Pausenclowns zwischen den rasant ablaufenden Szenen. Mal sind die TänzerInnen (Amadeus Berauer, Martina Haager, Eva-Maria Kraft, Kun Chen Shih, Karin Steinbrugger, Andrea Stotter, Julian Timmings und Natalie Trs) die abgestumpfte selbstherrliche Kommission, dann wieder treten sie als BittstellerInnen oder Geförderte auf. Und wenn gar nichts mehr geht, ziehen sie sich an den Herd zurück und versuchen ihr eigenes Süppchen zu kochen.
Die Struktur des Stückes ist durchsichtig und einsichtig, für alle, die mit dem Gemansche in der heimischen Kulturküche nicht so vertraut sind. Was aussieht wie naive Improvisation (etwa das körpernahe Konkurrenzgerangel zwischen Amadeus Berauer und Julian Timmings), ist genau durch choreografiert und kommt dennoch mit einer Leichtigkeit daher, die homunculus nicht immer zu bieten hat. Diesmal kochen die homunculi nicht nur mit tänzerischem sondern auch mit komödiantisches Können. Dass all der kritische Witz samt der beruhigenden Portion Selbstironie aus realer Desillusionierung und permanenter Enttäuschung geboren sind, nimmt dem Abend nichts von seinem Reiz. Ändern wird sich nichts, aber es musste mal gesagt (gezeigt, getanzt) werden. Mit Humor und Sarkasmus, doch ohne Untergriffe und Beleidigungen. Von diesen KöchInnen lässt man sich gern bekochen.

homunculus: „Wiener Küche“ in der Neustifthalle, Neustiftgasse 73–75, bis 3. Dezember täglich außer Montag.
www.homunculus.co.at

Iris Herbst

Online am: 22.11.2006, © www.tanz.at