Goldene Giselle mit 24 Karat

Svetlana Lunkina und Vladimir Malakhov entzückten mit Spitzenromantik

Giselle, Wiener Staatsoper, 18.11.2006.

Ein wahrhaft fürstliches Entrée. Auch wenn der schöne Jüngling als Landmann verkleidet ist. Nicht nur Giselle muss sich da verlieben.
Vladimir Malakhov tanzt den Herzog Albrecht in „Giselle“ mit Grazie und Anmut. Diesem Prinzen verzeiht man sogar die Feigheit vor der Angebeteten. Wirklich jung ist der Startänzer ja nicht mehr, Malakhov geht auf die Vierzig zu und steht (springt, hebt, dreht sich, tanzt) auf dem Höhepunkt seines Könnens. Mit Bühnenpräsenz und schauspielerischem Talent hat er sich den Abrecht zu einer seiner Glanzrollen erarbeitet. In den pantomimischen Szenen im 1. Akt meint man in sprechen zu hören und versteht jedes Wort. Antworten gibt ihm die Bolschoi-Solistin Svetlana Lunkina. Sie steht ihrem Partner in nichts nach, ist ihr doch die Giselle auf den Leib choreografiert. Mit 18 eroberte sie das Moskauer Publikum als jüngste Darstellerin der Giselle in der Geschichte des Bolschoi-Balletts. Jetzt ist sie 27 und nicht nur technisch makellos, sondern auch in der individuellen Interpretation Weltklasse. Lunkina ist eine kluge Giselle, die genau weiß, was sie will, nicht unbekümmert tändelt, sondern tief liebt, ohne Zuckerguss und Honigsüße. Verständlich, dass sie dem Wahnsinn verfällt, als ihr vermeintlicher Bräutigam sich als ein anderer mit einer anderen Braut entpuppt.
Auch im 2. Akt lässt Malakhov den Atem anhalten. Wie er im nachtblauen Mantel durch den Wald schwebt und sanft landet, später mit der flockenzarten Giselle im Pas de deux perfekte Eleganz und Leichtigkeit zeigt und doch erschöpft zu Boden sinkt, wie es die Choreografie vorschreibt, zeigte nicht nur dem Corps de Ballet, was Tanz zu vermitteln weiß. Im bunten ersten Akt noch etwas unkontrolliert im Bauerntanz hoppelnd, haben sich die Damen im acte blanc geordnet und bekommen führ ihre feine Glissade heftigen Applaus. Den erntet auch der neue Halbsolist Daniil Simkin als Partner der etwas schwerfälligen Maria Yakovleva. (Sie tanzt im 2. Akt Myona, eine der beiden Solo-Wilis; die zweite ist Marina Kanno – beide nicht weiter auffallend.) Simkin ist erst kurz im Ensemble, hat aber mit seinem jungenhaften Charme (schließlich ist er erst 18 Jahre) und seiner frischen Unbekümmertheit bereits sämtliche Herzen erobert. Ivan Popov tanzte den Hilarion ohne die übliche Derbheit samt Brunnenvergifterblick; Elisabeth Golibina die Myrtha. Sie blickt böse, hält sich steif und kann trotz sauberer Technik, wie so viele ihrer Kolleginnen, dieser schwierigen Rolle kein Profil geben.
András Déri dirigierte einfühlsam und temposicher. Besonders hervorzuheben, warm und romantisch, das Bratschensolo im 2. Akt. Mit warmem Herzen spendete das Publikum auch heftigen Applaus. Das Traumpaar tanzt noch Mal am Dienstag 21. November.

Ditta Rudle

Online am: 20.11.2006, © www.tanz.at