Bach, Geschichten, Reminiszenzen

Bei einem Kurzbesuch bei DANCE 2006 in München überzeugten vor allem die kleinen Formate.

Dance 2006, Münchner Biennale , 02.11.2006 bis 05.11.2006

Die zehnte Ausgabe der Münchner Biennale DANCE 2006 hatte das Motto „Körper Sphären“ gewählt. Bei den drei Soli, die ich bei meinem dreitägigen Besuch (2. bis 5. November 2006) gesehen habe, wurde dieses Motto auf sehr unterschiedliche Art und Weise eingelöst. Die größten, weil positivsten Überraschungen gab es dabei im kleinen i-camp-Theater bei Mal Pelo und Sarah Chase.

Bach
In die Sphären der Musik etwa taucht María Muñoz, Gründungsmitglied der spanischen Gruppe Mal Pelo, ein. Sie nennt ihr Stück schlicht „Bach“. Der Titel ist Programm, denn die Musik steht im Mittelpunkt ihrer subtilen, feinen und ungemein differenzierten tänzerischen Auseinandersetzung. Muñoz tanzt ihren Bach genauso direkt und spannungsgeladen, wie der Pianist musiziert. Sie taucht in Glenn Goulds Interpretation des „Wohltemperierten Klaviers“ ein, hüpft in fröhlichem Gleichklang mit den schnellen Läufen oder hält mit ausdrucksstarken Gesten inne, sie rebelliert gegen die geometrische Strenge oder lässt die Harmonien in ihren Körper einströmen und ihren Ausdruck in Bewegung finden. María Muñoz hat dabei den Raum ebenso im Griff wie ihre Bewegungssprache. Sie agiert in einem quadratischen weißen Bühnenfeld und vor einer ebenso großen Projektionsleinwand, wo einmal präzise Lichtfelder gesetzt oder Videos projiziert werden. Dieses Stück arbeitet mit der perfekten Dosis an dynamischen Aktionen und Stille, packend durch die außergewöhnliche Präsenz der Tänzerin und ihre intensive Kommunikation mit der Musik einerseits und dem Publikum andererseits.

Geschichten
Sarah Chase schöpft ihre Inspiration aus der Gabe des Storytelling. Anekdoten aus ihrem Leben in Toronto untermalt sie mit sparsamen, aber beredten Gesten, ohne aber ihre Geschichten damit illustrieren zu wollen. Der Effekt ist eine kurzweilige Stunde mit einer sehr sympathischen Geschichtenerzählerin – allerdings kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hinter dem harmlosen Geplauder Abgründe lauern. Darin ist sich Sarah Chase ihrer Landsmännin ähnlich, der Schriftstellerin Margaret Atwood, die ihre Geschichten ebenfalls in zweideutiger Manier hinter einem Schleier der Harmlosigkeit zu kaschieren vermag.

Reminiszenzen
Der Star unter den Frauensolistinnen war bei DANCE 2006 sicher Louise Lecavalier, die in den neunziger Jahren als ehemalige Tänzerin der Gruppe Lalala Human Steps mit ihren Drehungen in der Waagrechten Kultstatus erreichte. Die Muse von Edouard Lock versucht nun als Solistin ein Comeback und trat bei DANCE 2006 im Gasteig auf. Drei ChoreografInnen haben für sie (mehr oder weniger) kurze Stücke kreiert. In Crystal Pikes „Lone Epic“ tritt Lecavalier als Dirigentin mit knallblond wallender Mähne auf – und erinnert damit an ihre Lalala-Zeit. Auf den Musikpulten liegen aber keine Noten, sondern steht die Frage, „What do you really want?“ Will sie bleiben, will sie gehen? Will die Tänzerin abtreten, oder bleibt sie auf der Bühne? Die Referenzen zur Biografie Louise Lecavaliers liegen auf der Hand und werden von der Choreografin mit epischer Breite zur Filmmusik von Citizen Kane aufgeworfen.
„Lula and the Sailor“ evoziert mit seiner geometrischen Anordnung und kleinen, schnellen Gesten cineastische Stimmungen, die aber keiner Geschichte zuordenbar sind. Mit ihren zu einem schlichten Zopf geflochtenem, dunkelblonden Haar tritt Louise Lecavalier in dem Stück von Tedd Robinson ganz naturalistisch in Erscheinung, um sich im dritten Stück des Abends, einer Choreografie von Benoit Lachambre, unter einer Kapuze im Stil der Hip-Hop-Generation zu verschanzen.
Doch die Kostümierung ist das einzige, das an die dynamische Street Culture erinnert. Mit extrem verlangsamten Bewegungen steigt Lecavalier in den auf einem Stuhl bereit liegenden Trainingsanzug. Als sie die Turnschuhe übergestülpt hat, erhebt sie sich und beginnt, sich wie auf Klumpfüßen im Raum fortzubewegen – ganz wie Elephant Man torkelt sie in Zeitlupe über die Bühne. Hier wird das Gegenteil dessen zelebriert, wofür Louise Lecavalier in ihrem bisherigen Tänzerleben stand. Schnelligkeit, Rasanz und Dynamik weichen einer Dehnung der Zeit bis an den Rand des Stillstands. Das Stück wäre eine gelungene Umkehr einer Biografie, aber da es mehr als 40 Minuten lang ist, verliert es seine anfängliche Wirkung bald. Das Konzept der Langsamkeit wird durchgehalten, aber nicht entwickelt. Ein Stück für Eingeweihte, aber nicht für ein Publikum, dem die Tänzerin Lecavalier kein Begriff ist.
Louise Lecavalier stellt mit diesen drei sehr unterschiedlichen Choerografien ihre tänzerische Brillanz und Vielseitigkeit unter Beweis. Es gibt offensichtlich keinen Grund, sich von der Bühne zu verabschieden. Sie sollte für ihr nächstes Programm aber auch von ihren Choreografen einen freien Blick einfordern, der sich nicht immer an ihrer brillanten Vergangenheit verfängt.

Verfehlt Exotisches
Ärgerlich war hingegen der Auftritt des Attakkalari Centre for Movement Arts in der Muffathalle. Die Kompanie tourt in diesem Jahr mit ihrer Choreografie “Purushartha” in Europa und passte auch gut zum Indien-Schwerpunkt der heurigen Frankfurter Buchmesse. Doch die Choreografie des künstlerischen Leiters Jayachandran Palazhy ist eine völlige Überfrachtung an akustischen und visuellen Reizen, denen die attraktiven Tänzerinnen und Tänzer des Ensembles ausgeliefert waren. Die Frage nach dem „Sinn des Lebens“ (das ist angeblich die deutsche Bedeutung für Purushartha) wurde mit diesem altmodischen Sammelsurium an zeitgenössischen Tanzbewegungen, elektronischem Score und Videoprojekionen vergeblich gestellt. Die angekündigte Integration indischer Stile in eine zeitgenössische Tanzsprache blieb leider aus – die spezielle Handgestik, die indischen Tanz evozierte, erschien ebenso sinnentleert wie das einstündige Dauerbombardement der Sinne.

Edith M. Wolf Perez

Online am: 07.11.2006, © www.tanz.at