Berlin Ballett featuring Jerome Robbins |
Der dreiteilige Ballettabend hatte am 4. November an der Berliner Staatsoper Premiere |
Jerome-Robbins-Ballettabend, Deutsche Oper Berlin, 04.11.2006. |
Selten war eine mehrteilige Ballettpremiere so kurzweilig, amüsant und zugleich so vielschichtig und von erlesener Qualität. Drei Piecen des weltbekannten amerikanischen Choreographen Jerome Robbins (1918-1998) standen auf dem Programm. Der Sohn jüdischer Einwanderer hat seinen festen Platz in der jüngeren Ballettgeschichte. Er war zunächst (moderner) Tänzer u.a. am Broadway, dann beim Ballet Theatre (aus dem später das American Ballet Theatre wurde), wo er u.a. durch seine tänzerische Interpretation von Petruschka Furore machte bzw. 1944 mit seiner ersten Kreation Fancy Free gleich einen Riesenerfolg feierte. Als besonderer, weil bestimmender Glücksfall erwies sich sein Zusammentreffen mit zwei anderen Größen der Tanz- und Musikwelt: George Balanchine und Leonard Bernstein. Zu Robbins bekanntesten Choreographien zählen im klassischen Oeuvre u.a. The cage (1951) und Dances at a Gathering (1969), aber vor allem die Broadway-Musical-Produktionen, darunter seine beiden Masterpiece-Werke West Side Story (1957) und Fiddler on the Roof (1964).
Ballettintendant Vladimir Malakhov holte für die erste Premiere der laufenden Spielzeit drei so verschiedenartige wie außergewöhnliche Werke für seine Compagnie in die deutsche Metropole, die in Originalfassung getanzt werden. Jerome Robbins als subtiler Beobachter täglichen Lebens bringt in seinen Werken mit viel Liebe zum Detail akribisch genaue Studien zwischenmenschlicher Beziehungen ein, die den TänzerInnen viel Ausdrucksvielfalt abverlangen.
Sonst wohl eher ein optimaler Programmabschluss, wird hier mit The Concert (Einstudierung: Bart Cook, Bühnenbild: Saul Steinberg, Kostüme: Holly Hynes nach Irene Sharaff) auf den Abend eingestimmt. Hierbei handelt es sich um eine getanzte Karikatur, bei der mit viel Humor die verschiedensten Typen wie sie überall auf der Welt in den heiligen Konzerthallen vorkommen, mit Augenzwinkern aufs Korn genommen werden. Man trifft auf den enthusiastischen, den genießerischen, den zwangsbeglückten Besucher; vielleicht erkennt man sich auch ein wenig selbst. In rasch wechselnden kurzweiligen Szenchen läuft ein Konzert im wahrsten Sinne des Wortes mit echter Pianistin (stückgemäß todernst: Marita Mirsalimova) ab. Das phantasievolle Abschweifen der Konzertbesucher auf der Bühne beim Schwelgen in Chopins Musik nimmt zusehends sogar groteske Züge an, wenn klassischer Tanz ad absurdum geführt wird und zuletzt die Klavierspielerin die tanzenden Schmetterlinge mit dem Netz jagt. Einfach köstlich allen voran Nadja Saidakova als grandiose Diva, aber auch Viara Natcheva, Martin Buzkó, Michael Banzhaf, Corinne Verdeil, Martin Szymanski, Sven Seidelmann, Arshak Ghalumyan, Gaela Pujol und Elena Pris geben eine durchwegs sehr gelungene getanzte Charakterstudie ab.
Nach der Pause Afternoon of a Faun. Ganz anders als in Nijinskis damaliger Skandalversion ist hier Sinnlichkeit nur Nebensache. Zwei Tänzer treffen im Ballettsaal aufeinander. Als ichbezogene Wesen wird keine direkte Kommunikation zugelassen, permanent wird das perfekte Bild im Spiegel überprüft, der scheinbar im Zuschauerraum montiert ist. Aus dem sich Dehnen und Strecken ergibt sich beinahe beiläufig ein Pas de deux, doch bevor sich ein zartes Beziehungsband entspinnen könnte, trennen sich die beiden wieder, sei es aus naiver Befangenheit oder egoistischer Selbstsucht. Ein auf die Wange gehauchter Kuss ist kaum wahrnehmbar und bleibt ohne Folgen. Vladimir Malakhov und Polina Semionova sind dieses wie zufällig aneinander geratendes Paar. Zwei schöne, junge Menschen zelebrieren ihren Tanz ästhetisch, kunstvoll, feinsinnig, edel.
In Fancy Free wird sogar eine kurze Handlung erzählt. Drei Matrosen auf Landgang buhlen um zwei Mädchen, denen sie imponieren wollen. Allseits bekannt ist wohl der Kinofilm mit Gene Kelly und Frank Sinatra, der aus der Musicalfassung On the Town entstanden ist. Das Kräftemessen der drei coolen Jungs gewinnt (in der Publikumsgunst) Dinu Tamazlacaru, der als sprungstarker Draufgänger voll punktet. Rainer Krenstetter beeindruckt die zu betörenden Mädchen als sanfter Romantiker, Ibrahim Önal versucht rollengerecht mit einer Mischung aus prahlerischem Machsimo mit Softie-Touch bei den Angebeteten zu landen. Die drei durchwegs sympathischen Kerle prügeln und versöhnen sich - doch ewig lockt das Weib, die nächste Versuchung ist nahe. Die umschwärmten Damen sind Marine Joly, Viara Natcheva und Maria-Helena Buckley.
Viel Beifall und großer Jubel für das Staatsballett, das sich witzig, charmant und exquisit zugleich präsentierte. Die zeitlos-aktuellen Stücke von Jerome Robbins hatten es dem Publikum angetan, das den vergnüglichen Abend sichtlich genoss.
PS: vor der Premiere stellte Christiane Theobald, stellvertretende Ballettintendantin des Staatsballetts Berlin im Apollosaal das von ihr herausgegebene Compagniebuch Volume 1 vor. Unter dem Titel Spitzen-Variationen werden die beiden ersten Jahre unter der Leitung von Vladimir Malakhov dokumentiert (Fotos: Sandra Hastenteufel; erschienen im Schott-Verlag).
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Ira Werbowsky |
Online am: 07.11.2006, © www.tanz.at |