Körperpunkte und Körperzeichen |
Saskia Hölbling und Louise Lecavalier in Choreografien von Benoit Lachambre im Tanzquartier Wien |
DANS.KIAS ("Rrr.....(reading readings reading...)" / LOUISE LECAVALIER "«I» Is Memory"
Tanzquartier Wien, 27.10.2006.
|
Der Doppelabend zeigt zwei Choreografien des kanadischen Choreografen Benoit Lachambre, getanzt von Saskia Hölbling und der kanadischen Tänzerin, Solistin der Gruppe Lalala Human Steps, Louise Lecavalier.
Mitten auf der Bühne eine Black Box, über der ein roter Punkt schwebt. Saskia Hölbling sitzt vor der Black Box auf einem Bürostuhl und klopft mit ihren Füssen abwechselnd, dann wieder gleichzeitig einen Takt, fordert die Aufmerksamkeit des Publikums, in dem am Anfang erleuchteten Zuschauerraum. Punkt, Linie, Fall, Überschrift mit diesem Text beginnt sie die Performance und die Worte evozieren kleine Bewegungen, Gesten der Arme, benützen fast nur die Oberfläche der Alubox. Dann folgt der Text in Englisch und Französisch, wobei Hölbling beim französischen Text sichtbar mit der Sprache kokettiert, spielerischer umgeht als mit den beiden anderen Sprachen. Bald bewegt sich der ganze Körper; sie flüstert, der wissenschaftliche Text wirkt rhythmisch, die Sprache wird von der Körpersprache in den Hintergrund gedrängt. Sie sucht den idealen Punkt des Systems und setzt im Körper verschiedene Schwerpunkte, von welchen die Energie ausstrahlt. Die Gesten werden weit und ausladend, der Stuhl mit Rollen in die Bewegungen integriert. Hölbling versteht es das Stück spannend zu bauen, schnellen Passagen werden Ruhepunkte entgegengesetzt, die Bewegungen machen neugierig und überraschen den Zuschauer. Am Schluß steht der schwebende rote Punkt genau über ihrer Herzgegend. Die Szenerie des zweiten Stückes zeigt eine Ballettstange, vor der ein Stuhl steht auf dem ein Trainingsanzug liegt. Langsam nimmt Louise Lecavalier diesen in Besitz, bewohnt ihn. Er wird zur zweiten Haut, formt sich mit den Bewegungen zu immer neuen Stoffskulpturen. Der Kopf der Tänzerin ist in einer Kapuze verborgen, die Turnschuhe zieht sie kaum wirklich an, so daß sich eine eigenartige Linie des Körpers ergibt, die Schuhe einwärts und geknickt erscheinen. Die anfangs kleinen Bewegungen ertasten langsam den Raum um die Tänzerin, der Körper schiebt sich raupenartig über die Bühne. Die minimalistische Musik strukturiert die Bewegungen. Ihr Körper rollt, dann ist sie in sich versunken, tastet schleichend, richtet sich auf, wird von der Energie, vielleicht des Schmerzes getrieben. Die Bewegungen erinnern manchesmal an die motorischen Muster eines Babys. Der Rhythmus der Musik ist zerhackt, während ihr Atem fließt und die Energie in jeden Muskel strömt. Nichts zählt mehr, nur der Augenblick der jetzt stattfindenden Bewegung. Sie streift das gelbe Trainingshirt ab, bewegt sich schneller, freier, zieht noch ein Shirt aus, befreit sich sichtbar aus Zwängen, tanzt frei und eins mit dem Rhythmus der Musik, zeigt einen ekstatischen Bewegungsfluß, Tanz in höchster Vollendung.
|
Elisabeth Pein |
Online am: 30.10.2006, © www.tanz.at |