Verstimmt und verbogen

Alain Platels Stück „vsprs“ beim Steirischen Herbst

vsprs, Steirischer Herbst, 14.10.2006.

Als Alain Platel erstmals Monteverdis Marienvesper hörte, sagt er, waren die Instrumente wegen der herrschenden Hitze ständig verstimmt. Das mag die eigenwillige musikalische Bearbeitung (von Fabrizio Cassol) erklären, einer Mischung aus Sakralmusik, Zigeunerklängen und Jazz. Es gibt aber auch einen Hinweis auf die von Platel und seinen Tänzern eingesetzte Bewegungssprache.
Denn diese Tänzer verschrauben und verdrehen sich, schütteln sich und beben, werden von Konvulsionen erfasst und scheinen ihre Mimik oder ihre Bewegungen nicht unter Kontrolle zu haben.
Dass Tänzer dieser Tage nur zu oft auf der Bühne wie Spastiker agieren, als ob sie Angst vor der geraden Linie und der frei fließenden Bewegung hätten, liegt im Trend der Zeit. Aber es wäre nicht Alain Platel, wenn er dieser „Mode“ nicht die notwendige Schärfe verleihen würde. Denn die zehn Tänzerinnen und Tänzer – darunter vollendete AkrobatInnen – halten ihre vorgespielten Pathologien mit Bewegungsmustern des Tourette-Syndroms, der Epilepsie oder der Parkinson-Krankheit während der 100-minütigen Performance durch und kulminiert in einem gemeinsamen Schütteltanz des gesamten Ensembles. Das Ergebnis ist beklemmend und verstörend.
Nach seinen erfolgreichen Produktionen „Lets op Bach“ zu Musik von Johann Sebastian Bach und „Wolf“ (Mozart) verlässt Platel mit „vsprs“ seinen multikulturellen Hinterhof der skurrilen Gestalten und begibt sich in das Gefängnis der Psychose und der Psychiatrie. Inspiration für die Bewegungssprache der TänzerInnen sind Dokumentationen eines Psychiaters Dr. Arthut Van Gehuchten (1861-1914) über seine PatientenInnen. Das Bühnenbild (Peter De Blieck) ist eine weiße Klippe, ein Eisberg, eine Müllhalde, die von den TänzerInnen immer wieder erklommen wird, von der sie aber immer wieder in die Niederungen ihrer zwanghaften Ticks zurückkommen.
Großartig wie immer bei Platel alle Beteiligten TänzerInnen und MusikerInnen, allen voran die Sopranistin Claron McFadden. Und dennoch eine überraschende Wende in der künstlerischen Entwicklung des Regisseurs / Choreografen Alain Platel, der bisher eher auf Humor und Widerstandskraft des Individuums setzte. In „vsprs“ ist es seinem Schicksal unentrinnbar ausgeliefert.

Steirischer Herbst www.steirischerherbst.at
Les Ballets C. de la B. www.lesballetscdela.be

Online am: 16.10.2006, © www.tanz.at