Tanz im barocken Lustgarten

Effektvolle Erlebnisse in St. Pölten

Dido und Aeneas, Festspielhaus St. Pölten, 13.10.2006.

St. Pölten ist weit. Freitagabendstau in der Stadt, Stau an der Ausfahrt, Baustellen, Engstellen, Überholen verboten, ein Unfall, zwar schon vor Stunden, doch die Autos kriechen noch immer als gemächliche Schlange den Berg hinauf, der Stau ist endlos. Nie wieder St. Pölten!
Nach der Vorstellung – Sasha Waltz choreografierte und inszenierte Henry Purcells Oper „Dido und Aenas“ – klingt es ganz anders: Immer wieder St. Pölten, wenn solch beglückende, überraschende und effektvolle Erlebnisse geboten werden. Eine Gala der besonderen Art, für die sich auch eine weitere Reise gelohnt hätte.
Die deutsche Choreografin Sasha Waltz (41) hat mit dem gemeinsam mit Jochen Sandig 1993 gegründeten Künstlerkollektiv „Waltz & Guests“ durch unkonventionelle Produktionen und abstrakte Tanzstücke einen beachtlichen Ruf erworben. 1999 übernahm sie die Künstlerische Leitung der Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin, gemeinsam mit Thomas Ostermeier (Regisseur), Jens Hillje (Dramaturg) und Jochen Sandig (Leiter der Sophiensæle). Seit 2005 arbeitet sie mit ihrer Company wieder als freie Choreografin und hat mit „Dido und Aeneas“ eine neue Bühne betreten. Nicht nur die an der Berliner Staatsoper unter den Linden, sondern auch die des kontinuierlichen Erzählens einer (in diesem Fall herzzerreißenden) Geschichte, die der bunten Kostüme und eindrucksvollen Bilder, die der nahtlosen Verschmelzung sämtlicher Bühnenkünste, wie es im Barock eben üblich war. Musik und Gesang, Akrobatik und Schauspiel und ausdrucksvoller Tanz sind in Waltzs choreografierter Operninszenierung gleich berichtigt angetreten, um das Publikum in den Zuschauerhimmel zu heben.
Die Begeisterung für diese schwungvoll mit viel Witz inszenierte barocke Kostbarkeit – immerhin Purcells erste und zugleich einzige durchkomponierte Oper – kennt quasi keine Grenzen. Von Frankfurt bis Montpellier, von London bis Lissabon wird das Ensemble (12 TänzerInnen, 51 Musiker, ChoristInnen und GesangssolistInnen) bejubelt. Premiere dieses auch musikalisch fein gearbeiteten Bravourstückes war im Jänner 2005. Seit dem übertreffen einander die KritikerInnen an hymnischen Tönen.
Zurecht.
Allein der Beginn bestätigt jegliche Euphorie. Dirigent Attilio Cremonesi hat die verlorenen Noten des Prologs, wie das gesamte Libretto von Nahum Tate, aus Purcells reichhaltigem Œuvre rekonstruiert und Sasha Waltz Gelegenheit gegeben, das Vorspiel zur Geschichte von der liebenden Königin Dido mit einem keineswegs metaphorischen Sprung ins Wasser zu beginnen. Bald tummeln sich Nixen und Wassermänner im großen Becken auf der Bühne, umschmeicheln und umschlingen einander, lassen die Haare wallen und senden die Luftblasen nach oben, als wäre das Meer ein Champagnerglas.
Dido hat ihren Mann im Krieg verloren und geschworen, sich nie mehr zu verlieben. Doch dann kommt Aeneas, müde vom Krieg um Troja und macht in Karthago Rast. Ein Blick genügt, die Liebesflammen lodern. Das Glück ist ein Fest, mehr noch, eine wilde Orgie, wert. Das kann den (männlichen) Hexen nicht gefallen. Aeneas wird ins Ohr geflüstert, er soll aufbrechen und Rom gründen. So steht es auch bei Vergil, aus dessen Aeneis Herr Tate die Geschichte genommen hat. Die Stimmung kippt, aus dem Lustgarten wird ein Tal des Jammers. Dido fühlt sich betrogen, Aeneas bereut zwar und will bleiben, aber allein sein Wunsch, abzusegeln, hat die Königin ins Herz getroffen. Aus und vorbei. Sie singt ihr Lamento, tanzt den letzten Tanz, rauft sich die langen braunen Haare, verbirgt sich in dem glänzenden Gespinst – beide, die Sängerin Dido und die Tänzerin, zeigen so dekorativ ihre abgrundtiefe Trauer – und stirbt.
Wassergeister zu Beginn, die Irdischen ganz auf dem Boden, Hexen aus den Lüften – bleibt nur noch das Feuer. Auf der leeren Bühne werden die Flammen entzündet, die Lauten schweigen, das Spiel ist aus.
Die Bilder, die Sasha Waltz mit Licht und Farben und vor allem mit den Körpern der TänzerInnen und auch der SängerInnen (wie sie die Tanz unerfahrenen SolistInnen und den Chor bewegt ist ein Kunstwerk für sich) entworfen hat, werden bleiben. Und St. Pölten macht sich auf den Weg zum Mekka des Tanzes.

Festspielhaus St. Pölten, www.festspielhaus.at
Sasha Waltz & Guests www.sashawaltz.de

Ditta Rudle

Online am: 16.10.2006, © www.tanz.at