Bilderwucht und distanzierte Emotionen |
Das Hamburg Ballett zeigte in Wien John Neumeiers Requiem im Theater an der Wien |
Requiem, Theater an der Wien, 15.09.2006. |
John Neumeier ist wieder ein Fixpunkt in Wien: Im letzten Jahr war er mit "Winterreise" beim Festival Osterklang, nun holte ihn Intendant Roland Geyer mit Requiem ins neue Operntheater an der Wien, beim Neujahrskonzert 2006 besorgte der Hamburger Ballettchef die choreografischen Einlagen und im nächsten Jahr kommt sogar eine neue Produktion am Theater an der Wien heraus. John Neumeier steht zweifelsfrei für Ballettqualität erster Klasse, das bewies er auch mit seinem "Requiem" (1991 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt) wieder. Seine Auseinandersetzung mit Mozarts Totenmesse geht weit über eine Vertanzung der Musik hinaus. Metaphysische Überlegungen zum Tod bedingen eine Zweiteilung - musikalisch alterniert Mozarts Partitur mit Gregorianischen Gesängen und tänzerisch steht eine in weiß gekleidete "überirdische" Männergruppe dem schwarz gekleideten Ensemble gegenüber, das sich dem irdischen Todesschmerz hingibt. Wie immer arbeitet Neumeier sehr genau mit den musikalischen Strukturen. So folgt er auch diesmal Mozarts musikalischer Form, bei der Solisten mit dem Ensemble verschmelzen und dennoch differenziert bleiben. Auch im Tanz gehen solistischen Einlagen in den Ensembleszenen auf. Die Männergruppe, die zu den gregorianischen Chorälen auftritt und später mit einer Frau ergänzt wird, bleibt in ihrer Bewegungssprache stark ritualisiert. Die überwältigende Emotionalität von Mozarts letztem Werk, das er den eigenen Tod vor Augen geschreiben hat und die Legenden, die diese Musik umgibt, werden von John Neumeier nicht thematisiert. Im Gegenteil: Er verweigert sich geradezu der Gefühlsmacht des Requiems und schafft formalisierte, eindrucksvolle Bilder, die sich stellenweise gegen die Musik entwickeln. Eine eigenwillige Lesart des musikalischen Werkes, das dadurch ungewohnt distanziert bleibt. Erschwerend war sicherlich, dass für ein derartiges Monumentalwerk die Dimensionen von Bühne und Orchestergraben zu knapp bemessen waren. Nur die Gregorianischen Sänger konnten sich auf eine Brücke über der Bühne voll entfalten. Die großartigen Leistungen der Mitwirkenden - neben dem Hamburger Ballett und der Choralschola der Wiener Hofburgkapelle (Leitung: Kees Pouderojen) wirkten das Wiener Kammerorchester und der Schoenberg Chor unter der musikalischen Leitung von Erwin Ortner mit wurden mit warmen und langen Applaus honoriert. Es ist gut, dass John Neumeier wieder öfter in Wien ist.
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Edith Wolf Perez |
Online am: 18.09.2006, © www.tanz.at |