Eine unerschöpfliche Werkzeugkiste

Sidi Larbi Cherkaoui zu Gast bei ImPulsTanz

d’avant, Volkstheater, 06.09.2006.

Auf einer Baustelle, von der der Staub bis in die hintersten Publikumsreihen zu wehen scheint, packt Sidi Larbi Cherkaoui seine Werkzeugkiste aus. Denn der Erfolg des 30-jährigen Choreografen liegt nicht nur an seinen kreativen Ideen und seinem Humor, sondern auch an seinem soliden Handwerk. Das alles bescherte ihm Auftragsarbeiten für Ballettkompanien wie das Genfer Ballett, Les Ballets de Monte Carlo und zur Zeit für das Cullberg-Ballett.
d’avant, ein Stück aus dem Jahr 2002 kommt wie eine tänzerische und musikalische Versuchsanordnung daher. Viele Bewegungsmöglichkeiten, die Cherkaoui zusammen mit seinen Kollegen Damien Jalet (ebenfalls von Les Ballets C. de la B.) sowie Luc Dunberry und Juan Kruz Diaz de Garaio Esnaola (beide Tänzer bei Sasha Waltz) untersucht, finden sich in seinen späteren Stücken wieder. d’avant ist ein humorvolles Spiel mit Verdoppelungen und Brechungen, mit den Grenzen menschlicher Bewegungen bzw. deren Erweiterung. Da wird ein Mann - im wahren Wortsinn - stocksteif, ein anderer wird als Fussball über den Boden gejagt, zwei teilen sich ihre Anzüge und verdoppeln bzw. halbieren sich, oder können den Knoten, zu dem ihre Arme verschlungen sind, nicht mehr lösen. Alle diese Sequenzen werden nicht nur angerissen, sondern entwickelt, weitergesponnen und vollständig ausgeschöpft – wir können Cherkaoui & Co. förmlich beim lustvollen Choreografieren zuschauen.
Die losen Fragmente werden durch mittelalterliche Gesänge zusammengehalten. Das Besondere daran: die Tänzer singen selbst, und geben sich dadurch einen Anstrich von keuscher Klösterlichkeit – besonders in der Anfangsszene, als Cherkaoui andächtig seine Gesänge von sich gibt, und sich dabei wie eine Windrose in einem lauen Lüftchen hin und her dreht. Dieser Eindruck bleibt bestehen, auch wenn sich die Männer wie die größten Rabauken benehmen. Am Ende ist alles wieder Andacht – bei einem Begräbnis. Der „Hingeschiedene“ hatte sich vorher in der Baustelle sein Grab ausgehoben und liegt nun wie eine versteinerte Mumie unter einem Haufen von Ziegelsteinen (Bühnenbild: Thomas Schenk).
Vielleicht hat d’avant nicht jene drängende Dynamik, mit der andere Choreogafien des jungen Belgiers hereinbrechen und sicher nicht die Ästhetik seiner Choreografien für die großen Ballettensembles. Aber es ist ein echer Cherkaoui, ein Statement über die conditio humana von vier außergewöhnlichen Darstellern - Tänzer, die Musiker und Sänger sind, und umgekehrt.

Edith M. Wolf Perez

Online am: 08.08.2006, © www.tanz.at