Patchwork-Muster |
Grace Ellen Barkey & Needcompany Chunking und Superamas Big, 3rd episode (happy/end)
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Chunking / Big, 3rd episode (happy/end), Akademietheater, 28.07.2006 und
01.08.2006
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Die Bühne hat etwas von der Unernsthaftigkeit eines chinesischen Kitschladens: waagrecht und senkrecht, übereinander, hintereinander, nebeneinander ist buntes Styropor in Stoff- und Fliesenmustern zu einem knalliges Lebenslabyrinth aufgestellt, durch das sich die fünf TänzerInnen von Grace Ellen Barkeys Needcompany aus Amsterdam schleichen und winden, das sie hungrig nach Liebe durchkriechen und durchforsten. Ein weißer Clown und eine Zirkusprinzessin, eine Neonnixe und ein Yogi, und ein trister Gesell, dem sein Haarschopf die Sicht auf die Welt verstellt, bilden das weltfremde Figurenkabinett, das in manchen Momenten an Hieronymus Boschs Bilderphantasien erinnert. Ihr Gehabe ist frivol, ihr Dasein vom Trieb bestimmt, ihr Tun ob allein oder ineinander vereint vergeblich.
Chunking, ein Patchwork aus skurrilen Seinsversuchen, gipfelt in der Verwandlung dieser fünf sonderbaren, irdischen Gestalten in farbenfrohe Fabelwesen: ob erlöst oder verwunschen, lässt sich nicht wirklich sagen. Hinreißend sehen sie jedenfalls aus, in ihren gehäkelten Hüllen und es versteht sich von selbst, dass so außergewöhnliche Kostüme für eine Weile der Blickfang auf der Bühne bleiben müssen. Doch das Entzückungsmoment lässt man tatenlos verhallen und einen Abend voller angerissener Ideen in Ratlosigkeit ausklingen.
Wo sich Grace Ellen Barkeys entrückte Figuren im Netz der Beliebigkeiten verfangen, da stecken Superamas schicke Menschen aus dem Hier und Jetzt in starren Abläufen, die sich vor- und zurückspulen, anhalten oder in Zeitlupe spielen lassen, ohne dass sich je Grundlegendes verändert. Big,
3rd episode mit dem Untertitel happy/end schließt eine Trilogie, deren erste beide Teile in den Vorjahren bei impulstanz gastierten. Big,
3rd episode folgt einem bekannten Muster gleich den Schablonen, nach denen die Fernsehserien geschnitten sind, die Superamas auch im Visier ihrer unterhaltsamen Zeitkritik hat: ein Prolog mit Live-Musik, während sich das Publikum einfindet, zwei Szenen, die sich mehrfach wiederholen, mal stärker mal kaum voneinander abweichen, ein Philosoph am Ende. Wie Chunking funktioniert auch happy/end nach einem Patchworkprinzip, das Elemente aus Film und Fernsehen, Literatur und Musik, Theater und Tanz in zappender Weise aneinanderfügt: der Tanz existiert nur als kommerzieller Showeffekt oder als effizientes Mittel um im Wettstreit der schönen Körper zu überleben, ein Sponsor darf plump auf der Bühne werben und bekommt sogar einen kurzen Videoclip. Superamas hat sich die Ausdrucksmittel derer angeeignet, denen ihre Kritik gilt, um sie mit den eigenen Waffen zu schlagen oder vielmehr die einzig verbleibende Möglichkeit einer gemeinsamen Sprache zu nutzen. Das Schlusswort zum Happy-end hat Jacques Derrida, der sich einer Sache sicher ist dass all das, so oder so, für uns alle am Ende nur schlecht ausgehen kann.
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Karin Schiefer |
Online am: 04.08.2006, © www.tanz.at |