Daumenkino mit heiteren Ampelmännchen |
Lynda Gaudreau und Chris Haring verzichten auf die dritte Dimension. |
0101 / running Sushi, Kasino am Schwarzenbergplatz / Arena 21 MQ, 02.08.2006. |
Den linken Arm heben, Zeigefinger strecken, Kopf drehen, senken. Den rechten Arm strecken, heben, Kopf drehen. Still stehen. Eine Frau, ein Mann vorne auf dem kleinen weißen Bühnenrechteck, dahinter, als ungefährer Mittelpunkt, der Drummer. Er klopft den Takt, gibt den Rhythmus an, durch unterschiedliche Resonanzkörper erzeugt er unterschiedliche Klangfarben. Luc Paradis ist nicht nur Musiker sondern auch Darsteller, nicht nur an diesem Abend. Das ist schon sehr spannend. 0101 ist ein Stück zum Sehen und zum Hören. Spannung ergibt sich auch, durch den Eigensinn der beiden Ampelmännchen (bei Rot stehen, bei grün gehen). Nicht immer halten sie sich an den vorgegebenen Rhythmus, verändern ihre Bewegungen nicht auf den gleichen Schlag. Minimale Verschiebungen sind eben das Thema. Manchmal sehen sie einander an, bewegen sich (niemals von der Stelle) synchron, dann wieder als Kanon ungleichzeitig oder gänzlich unabhängig eine vom anderen. Auch die Pausen gehören dazu. Dann gehen AnneBruce Falconer und Ken Roy, als Geschwister gekleidet, das Viereck ab, legen sich auch mal als Rufzeichen flach auf den Boden und suchen sich schließlich einen neuen Standplatz. Während der drei Versionen des selben Bewegungsmaterials wird der Raum nicht genutzt die Choreografie soll flach bleiben, als Struktur des Tanzes, als Architektur einer Choreografie. Dennoch spüre ich, wie sich immer mehr Heiterkeit in mir ausbreitet: Die Transparenz und Klarheit, auch die Schönheit dieser von der Kanadierin Lynda Gaudreau geschaffenen Choreografie gibt nicht vor Tanz zu sein, will nichts anderes sein, als die Demonstration minimaler Bewegungen, die dennoch in der Summe ein Ganzes ergeben, eine Choreografie eben. Was darin passiert ist eben doch Tanz, wider alle herkömmlichen Vorstellungen. Menschen die sich in der Architektur einer Choreografie bewegen, tanzen, wie minimal ihre Bewegungen auch sind. Das macht heiter und zuversichtlich. 0101 ist kein konventioneller Tanzabend, sondern eine großartige Demonstration. Gaudreau wollte wissen, wie gering Information sein darf, damit das Publikum eine Choreografie sieht. Bits für einen Tanz schlägt sie als Untertitel für das Demo-Labor vor. Die Antwort ist frappierend: Nicht die Größe oder Vielfalt der Informationen ist maßgeblich, Spannung und sogar Schauvergnügen garantieren eher das Unvorhersehbare, die Überraschung. Selbst wenn sie wiederholt wird. Im Mittelteil liegen einmal alle drei Mitwirkenden flach und entspannt auf dem Boden in farbigen Shirts (rot, grün, blau), Stille breitet sich aus, Entspannung. Geduld ist schon notwendig um 0101 zu genießen. Ohne die dritte Dimension kommt auch Chris Haring in seiner Choreografie running Sushi aus. Auch auf dem Sushi-Tablett stehen ein Mann und Frau, doch mit ihren abgezirkelten Bewegungen erzählen sie winzige Geschichten. Legt Gaudreau Wert darauf, keine abgenutzten, belasteten Bewegungen zu verwenden, greift Haring absichtlich tief in die Kiste der Alltagscodes für Paare. Auch Stephanie Cumming und Johnny Schoofs, die Protagonisten in Running Sushi, bewegen sich nicht im Raum, lassen die Bewegungssequenzen als Cartoons ablaufen, die sich zu einem lebendigen Comicstrip zusammenfügen. Hinter Harings mit einer perfekten Sounddramaturgie ausgestatteten unterhaltsamen Sushibissen versteckt sich eine ähnliche Frage wie sie Lynda Gaudreau stellt: In wie kleine Teile kann ich eine organische Bewegung zerlegen, dass sie noch als solche erkannt wird. Für Haring ist es die Geschwindigkeit des Ablaufs der Bilder, die Kommunikation mit dem Publikum, also Erkennen und Deuten von Bewegungen, ermöglicht. Running Sushi als gut studiertes, zum Vergnügen gezeigtes Daumenkino. Dort wo Gaudreau abstrakt bleibt, weder Gefühle noch Bilder unterlegt (wiewohl in der Zuschauerinnen unvermeidbar beides entsteht), arbeitet Haring mit eben diesen: Bildern, die Gefühle erzeugen, weil wir sie wieder erkennen und das entlockt uns herzliches Gelächter.
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Ditta Rudle |
Online am: 03.08.2006, © www.tanz.at |